Uranie – Dreifache Prix d’Amerique-Siegerin mit Marotte
vom 18.01.2017

(jg) – Am kommenden Sonntag wird in Paris-Vincennes der 96. Prix d’Amerique entschieden. Das Rennen ist mit einer Million Euro Preisgeld das wertvollste Trabrennen auf europäischem Boden.

Zu diesem Anlass möchte Traber-News.com mit einer Geschichte an die 1922 geborene Uranie erinnern. Sie war nicht nur der erste Sieger des schwachen Geschlechts im Prix d’Amerique, sondern mit drei Siegen in Folge (1926 – 1928) lange Zeit sogar die erfolgreichste Starterin dieses Monstre-Rennens überhaupt. Unsere Geschichte stammt aus dem Jubiläums-Traber-Jahrbuch 1928, erzählt von Roger Ducos.

Uranie, Frankreichs berühmteste Traberstute, wurde 1920 in Bieville-en-Auge geboren als Tochter von Intermede und der Gladiator-Stute Pastourelle. Ihr Züchter ist M. Denis, der im Departement Calvados seit Jahren eine sehr erfolgreiche Traberzucht betreibt. Der verkaufte sie noch als Fohlen für 5.000 Francs an M. Nottinger, den die außergewöhnliche Nervosität des jungen Tieres so bedenklich stimmte, dass er sie als Zweijährige für 9.000 Francs an die vereinigten Besitzer F.Pollet-Vanackere weiter gab.

M. Pollet gab sie im Jahre darauf zu Lucien Dufour in Training, der, nachdem er sie ein- oder zweimal unter dem Sattel probiert hatte, das Prognostikon dahin stellte, sie werde niemals einen Reiter tragen, sondern vor dem Sulky ihre Zukunft haben.

Ihr Renndebüt gab Uranie in der Provinz, und zwar in Rennen, wo sie gleich das erste Rennen gewann, das sie bestritt. Über ihre Rennklasse war man sich seit ihren ersten Versuchen klar geworden. Aber ihr Charakter, ihr Temperament, gaben zu den größten Besorgnissen Anlass. Uranie war jederzeit bereit zur Arbeit, aber sie wollte nicht fressen. Trotz dieser Kalamität gewann sie im ersten Jahre ihrer Rennlaufbahn 48.000 Francs, worauf M. Pollet seinen Anteil seinem Partner M. Vanackere abtrat, der sie nun als alleiniger Besitzer dem italienischen Trainer Capovilla übergab.

In dessen Hand machte sie eine schwierige und mühevolle Schule durch; denn obwohl sie als Renntraber hohe Klasse darstellte, so war sie doch ganz undiszipliniert. Ihr großartiges, manchmal sich überstürzendes Gangwerk brachte immer wieder schwere Fehler mit sich. Und – nach dem Rennen sowohl, wie nach der Arbeit – die Stute weigerte sich zu fressen. Sie schien ganz von ihren Nerven zu leben, und es hatte den Anschein, als ob sie eher ein hochinteressanter pathologischer Fall werden würde, als eine Rennstute.

Capovilla, ein Mann von Nerv, der von großen Meistern gelernt hat, sich zu gedulden, sich zu bescheiden, aber auch sich durchzusetzen, begeisterte sich für das Problem: wie macht man Uranie Appetit?

Er geht zu gekochtem Hafer über; er serviert ihr dasselbe Gericht in verschiedenen Formen. Heute gibt er gequetschten Hafer, morgen reicht er ihn ganz. Er setzt alles daran, um die Stute an ein tägliches Quantum zu gewöhnen.

Um ihr Appetit zu machen, gibt ihr Capovilla zu bestimmten Tageszeiten methodische Arbeit, ohne aber darin zu weit zu gehen. In einem kleinen Buche, das ein sehr interessantes historisches Dokument geworden ist, notiert dieser Mann Tag für Tag mit der Uhr in der Hand die absolvierte Arbeit, die Fortschritte in der Gangart und die Kurve der Nahrungsaufnahme.

Kilometer 1:32,4, Uranie frisst nicht.

1. September 1924: Uranie nach zahlreichen Fehlern Vierte, sie frisst nicht.

24. November: Uranie hat die ganze Woche sich gegen Hafer weniger ablehnend gezeigt; sie gewinnt den Prix de Verdun.

28. Dezember: Der Appetit wächst, aber im Prix Lavater stieß der Sulky von Rat des Champs mit dem von Uranie zusammen, die zu Fall kam. Nun heißt es, der Stute das Vertrauen zurückgeben. Am 24. November hatte sie 1:30 getrabt und am 16. Dezember 1:27.

Im Januar 1925 beginnt sich bei Uranie nach 15 Monate hindurch fortgesetzten Bemühungen Appetit zu zeigen. Sie ist gerade keine gute Fresserin, aber sie schnaubt nicht mehr zornig vor der Raufe.

Die ununterbrochene Serie von Erfolgen im Laufe des Jahres 1925 ist allen Traberfreunden bekannt. Ihr Rekord hält sich zwischen 1:27 und 1:29.

Nachdem das Problem der Nahrungsaufnahme einigermaßen gelöst war, beschäftigt sich Capovilla, der an den Fortschritt glaubt und niemals zufriedengestellt ist, wenn er nicht eine neue Verbesserung sieht, nur noch mit der Arbeit. Nach vielen Versuchen hat man das Mundstück gefunden, das dem empfindlichen Maul der Stute zusagt. Ein passender Zügel hält ihren Kopf, ohne den Hals in seiner wichtigen Rolle als Balancierer zu beeinträchtigen.

Wie nun die Stute beschuhen? Man stellt das Gewicht der Hufeisen fest. Die Vordereisen sollen nicht mehr als 180 Gramm wiegen, die Hintereisen sogar nur 80 Gramm. So ausgerüstet und in gutem Gesundheitszustand kann man sich mal in Vincennes versuchen.

Das Büchlein gibt Stunde um Stunde Rechenschaft. Heute morgen lernt Uranie einen Teil der Rennbahn kennen, sie lernt starten. Sie stürmt rasch, beinahe heftig vorwärts. Man muss es einmal, zehnmal wiederholen. Sie wird den Rhythmus sich aneignen. Und morgen oder in acht Tagen versteht Uranie in der verlangten Gangart und dem angemessenen Tempo zu starten. Wie ein Pfeil startet sie, mit höchster oder, wenn verlangt, gemäßigter Schnelligkeit an jenem Teile der Rennbahn, wo es bergab geht.

Heute ist Uranie an jener Stelle ohne einen Fehler den Kilometer in 1:19 gegangen. Sie reproduziert diese Leistung, sie kann bergab traben, sie studiert den Bogen von Joinville.

Eines Tages muss sie den Versuch machen, die schreckliche Seite zu erklimmen, die die Bahn von Vincennes für alle Pferde, die nicht ständig auf ihr arbeiten, so schwer macht. Dort werden die großen Rennen gewonnen, dort am Wäldchen muss man all sein Können zeigen.

Capovillas Buch wimmelt von Ziffern; plötzlich aber wird das Auge durch einen roten Strich gefesselt. Eine Leistung ist stark mit Rotstift unterstrichen: Uranie hat den Kilometer der Steigung in 1:14 bewältigt.

Wenn man diesen Bleistiftstrich einmal gesehen hat, vergisst man ihn nicht mehr. Der Uhrmacher, über sein feines Räderwerk gebeugt, hat sein Werk vollendet, sein Meisterwerk. Der Mechanismus kommt nicht mehr in Unordnung. Jetzt, ein guter Start, dann eine Entwicklung der Schnelligkeit, weitere Vervollkommnung der Maschinerie – das ist der sichere Sieg! Uranie trabte heute morgen den Kilometer der Steigung in 1:14...

Jetzt hat Uranie über 700.000 Francs gewonnen und verlebt zur Zeit ihre Ferien in Bannville. Ferien, ja; faule Zeit keineswegs. Jeden Morgen bewegt sich die phänomenale Stute 50 Minuten in kleinem Trab (niemals im Schritt), das ist ihre Art sich zu erholen und gesund zu erhalten. Die Söhne des Trainers leiten diese Erholung, auch Capovilla selbst, wenn er Zeit hat.

„Darf man Sie fragen, ob Sie schon mal an einen Partner für Uranie gedacht haben?“

Capovilla lächelt: „Ich glaube, man muss eine nahe Inzucht vermeiden. Selbstverständlich muss Uranie einen sehr guten Partner bekommen. Ich denke an den ausgezeichneten Hengst Quo Vadis, den Champion von M. Royer, der jetzt im Besitz von M. Bertrand ist. Ich habe auch an Tilly gedacht, den prachtvollen Traberhengst des M. Derossy. Das muss der Besitzer entscheiden. Dieses Jahr bleibt Uranie noch in Training.“

Uranies züchterische Bilanz:

1932 Kairos H. v. The Great McKinney (US)
1935 Nerie Williams S. v. Sam Williams (US)
1936 Ogaden H. v. The Great McKinney (US)
1941 Turenne D H. v. Kozyr
1943 Vulcain D H. v. Kozyr

Ihre Söhne Kairos 1:23 und Ogaden 1:25 zählten zur Spitzenklasse des französischen Trabrennsports. Als Zuchthengst stand Kairos von 1952 bis 1957 an der Spitze der erfolgreichsten Vererber Frankreichs. Ogaden folgte seinem Bruder im Jahr 1958. Das ist ein wahrhaft historisches Ereignis, zwei Vollbrüder als Champion der Vaterpferde einer bedeutenden Traberzucht. Dieses „Wunder“ hat sich bislang nur einmal durch die Vollbrüder Fakir du Vivier und Jet du Vivier in den Jahren 1994, 1995 und 2001 wiederholt.

Während der Docht der Hengstlinie des einst erfolgreicheren Kairos so gut wie erloschen ist, erscheint die Zukunft der Nachkommen von Ogaden hoffnungsvoller. Insbesondere durch Quadrophenio und dessen Söhne, z.B. Orlando Vici. Nachkommen aus dem Mutterstamm von Uranie durch ihre Tochter Nerie Williams gibt es unseres Wissens heutzutage nicht mehr.