Die Kuh ist nicht vom Eis…
vom 18.08.2017

(ubd) - Der allgemeine Rennausschuss hat in Sachen HVT gegen Günter Lühring verhandelt, angehört, gesprochen und nunmehr auch geschrieben: Ein Urteil das Folgen hat.

Es verändert die Trabrennordnung und hat gute Chancen, in die Rechtsgeschichte des deutschen Trabrennsports einzugehen.

Wie das? Was ist passiert? Der Rennausschuss hat doch nur eine Entscheidung der Hamburger Rennleitung vom 4. Dezember 2016 bestätigt. Es ging doch nur um 50 Euro. (Siehe Bericht Traber-News.com v. 5.7.: Viereinhalb Stunden um 50 Euro Kuhhandel). https://www.traber-news.com/article-13/items/viereinhalb-stunden-um-50-euro-kuhhandel.html

Warum sollte dieser Fall trotzdem unser Interesse wecken? Es ist doch alles gesagt. Oder etwa nicht?

Es gibt die mündlichen Urteilsgründe, es gibt die schriftlichen Urteilsgründe und es gibt die wahren Gründe des Urteils. Worauf beruht das Urteil im Fall HVT ./. Günter Lühring? Nun, offensichtlich auf dem Rechtsstandpunkt des Chefanklägers Heinz Tell.

Geläuf ist, was ich Geläuf nenne. Oder anders: Was Geläuf ist bestimme ich.

Pardon! So hat er es nicht gesagt. Aber darauf läuft es hinaus. Das Geläuf ist überall dort, wo vorgezeichnete, mit Belag belegte Wege sind. Die Innenbahn gehört zum Geläuf. Der Paradezirkel auch. Das war nun Heinz Tell im O-Ton.

Jeder, der am Trabrennsport teilnimmt, weiß was ein Geläuf ist und was nicht. Diese vorstehende Definition hat ein Alleinstellungsmerkmal. Sie war notwendig, um das Urteil zu rechtfertigen.

Wäre das Geläuf das geblieben was es ist, hätte Günter Lühring nicht verurteilt werden können, weil er das Geläuf, übrigens aufforderungslos, längst verlassen hatte als sich die Pferde zur Startmarke begaben. Er hatte genau das getan, was § 81 der Trabrennordnung von ihm verlangt. Er hatte das Geläuf in Richtung Innenraum verlassen.

Wer das Urteil liest, ist erst einmal platt. Was soll einem dazu einfallen? Weltweit ist das Geläuf der Teil einer Rennbahn, auf dem die Rennen stattfinden. Und sonst nichts.

Aber soweit braucht keiner zu gehen. Es reicht die Trabrennordnung. Noch hat Heinz Tell diese Bestimmung nicht streichen lassen. Wir werden darauf wohl nicht lange warten müssen. Der Begriff "entfällt" findet sich inzwischen 229 Mal in der Trabrennordnung. Zur Sache:

§ 81 - Startordnung
1. Befinden sich Teilnehmer für das nächstfolgenden Rennen auf dem Geläuf, können sie es nur zum Innenraum verlassen. Die Rennleitung kann hiervon in begründeten Fällen Ausnahmen gestatten…

§ 83 - Disqualifikation
2. Disqualifikationsgründe sind:
e) Verlassen des abgegrenzten Geläufs, sofern es fahrlässig oder vorsätzlich erfolgt.

§ 84 - Fahrordnung
2. Der Ausweisinhaber ist insbesondere verpflichtet:
a) das abgegrenzte Renngeläuf nicht zu verlassen,
b) als führender Fahrer stets die Innenseite des Geläufs einzuhalten...
l) ...Ein Fahrer, der sein Pferd anhält, darf das Geläuf nach außen erst verlassen, wenn er der Rennleitung die Gründe für sein Handeln erklärt hat.

Aber damit nicht genug. Dieses Urteil hat es in sich.

Die Zeugen Klaus Brammann und Günter Schroeder haben gelogen und/oder die Unwahrheit gesagt. Der HVT wäre verpflichtet, ein Ermittlungsverfahren nach § 112, Absatz 3 der Trabrennordnung einzuleiten bevor es die Staatsanwaltschaft tut. Soweit sind wir gekommen.

Die Behauptung, seit zehn Jahren würde während der Qualifikation kein Pferd im Innenbereich oder auf der Innenbahn geduldet, ist nicht nur falsch… Sie ist gelogen. Hier wurde die Lüge eingesetzt, um eine Aufrechterhaltung eines fragwürdigen Beschlusses zu erreichen.

Nachstehend ein Beispiel aus einem Rennbericht des HVT. Es wurde kein Ordnungsverfahren eingeleitet. Diese Beispiele lassen sich beliebig finden. Beteiligt in vielen Fällen der Zeuge Klaus Brammann. Die Details sind den Rennberichten zu entnehmen.

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Die Erinnerungslücken des Zeugen Günter Schroeder laufen in die gleiche Richtung. Alles was belasten könnte wird erinnert. Sobald es um entlastende Umstände geht, sperrt sich der Zeuge. Nicht weil er sich nicht erinnern kann, sondern weil entlastende Umstände (mehrere Pferde befanden sich zum Heat / Arbeit auf dem Geläuf) nicht ins Bild passen. Selektive Wahrheiten manipulieren die Wahrheitsfindung, weil es Halbwahrheiten sind.

Dieses Urteil wird uns noch beschäftigen. Über den Tag hinaus. Der Spiritus Rektor hat überzogen. Es ist an der Zeit, die Sportgerichtsbarkeit auf den Prüfstand zu stellen.

Mit seiner neuen Definition des Geläufs hat der Präsident des HVT den Boden der Trabrennordnung verlassen und sich in den Willkürbereich begeben. Die babylonische Sprachverwirrung wird ihre Wirkung zeigen. Der von ihm eingesetzte Rennausschuss ist ihm auf diesem Irrweg gefolgt.

Wie bitte soll künftig entschieden werden, wenn das abgegrenzte Geläuf auf die Innenbereiche und Wege ausgedehnt wird? Wann wird das Geläuf verlassen? Was macht die Begrenzung des Geläufs noch für einen Sinn, wenn alles zum Geläuf zählt?

Ist das Durchschlüpfen in Hamburg jetzt jederzeit erlaubt? Nach der Lesart darf das abgegrenzte Geläuf jederzeit verlassen werden. Wie soll der Rennausschuss künftig entscheiden? Nach der Trabrennordnung oder nach der Lex Tell? Was werden die Gerichte dazu sagen? Oder das Schiedsgericht?

Das Urteil steht jetzt da. Gibt es Grund Stolz zu sein?