Ein französisches Zuchtbuchregister für den deutschen Traber?
vom 04.05.2017

(jg) – In der vergangenen Woche erhielten die Mitglieder im HVT die Einladung zur ordentlichen Mitgliederversammlung 2017 am 13. Mai in Berlin. Jahresbericht, Jahresabschluss und Haushaltsplan: Natürlich Fehlanzeige!

Trotzdem liest sich die Tagesordnung in diesem Jahr – auch Dank der Initiative GoTrabGo – umfangreich und brisant wie selten zuvor. Dutzende von Anträge stehen auf der Agenda, leider unübersichtlich angereiht in gewöhnungsbedürftigen Großbuchstaben. Wie das in wenigen Stunden sauber bewerkstelligt werden soll, ist für uns ein Rätsel.

Da die anstehenden Themen von weitreichender Bedeutung sein könnten und alle Bereiche des Trabrennsports betreffen, hält Traber-News.com es für angebracht, auch die Nichtentscheider – immerhin mehr als 95 Prozent aller Aktiven – über die wichtigsten Tagesordnungspunkte zu informieren. Der deutsche Trabrennsport findet nämlich nicht in einer Nussschale statt, auch wenn das manchem lieb wäre.

Der Französische Traber als Zuchtziel
Eine ausgiebige Erklärung bedarf der Antrag des Präsidiums, die Zucht des französischen Trabers in Deutschland als Zuchtziel und Zuchtprogramm in die Zuchtbuchordnung zu integrieren. Entgegen bisherigen Beteuerungen soll das Zuchtbuch des deutschen Trabers ein separates Register für den in Deutschland geborenen Französischen Traber (Trotteur Francais) erhalten. Diese einschneidende Änderung des Zuchtziels und Zuchtprogramms ist in der Tagesordnung nur lapidar als „Änderungen der Zuchtbuchordnungen“ angekündigt. Einzige Begründung des Präsidiums: „Ergänzung“. Das ist uns zu wenig.

Die Vorgehensweise des Präsidiums ist m.V. verantwortungslos. Ohne umfassende Erläuterung und ehrliche Aufklärung im Hinblick auf die gravierende Änderung der Zuchtbuchordnung kann diese Entscheidung nicht getroffen werden. Stattdessen wird eine Art Überrumpelungstaktik mit einer wenig aussagekräftigen Ankündigung angewendet. Unter welchen Zuchtbedingungen soll das Register geführt werden? Werden den Pferden des separaten Registers Sonderrechte eingeräumt? Wer ist überhaupt daran interessiert?

Zur Erinnerung zitieren wir aus dem Ergebnis-Protokoll der ordentlichen Mitgliederversammlung v. 10. Mai 2014 in Berlin, wo sich das HVT-Präsidium unter Leitung von Heinz Tell zu diesem Thema wie folgt geäußert hat:

„Das Zuchtabkommen (mit Cheval Francais) sieht keine doppelte Nationalität vor. Eine doppelte Nationalität würde nach Ansicht des Präsidiums die Enteignung der „normalen“ deutschen Züchter bedeuten. Nur die Nachkommen französischer Mutterstuten könnten – zusätzlich – die französische Nationalität bekommen. Die deutschen Zuchtstuten würden damit ihren Wert völlig verlieren – es würden nur mehr Zuchtprodukte nachgefragt, die auch in Frankreich in allen Rennen teilnahmeberechtigt sind.“

Wir erwarten, dass das Präsidium sich an sein damaliges Statement erinnert und dementsprechend handelt! Alles andere wäre Wortbruch.

Der französische Traber kann und wird im übrigen bereits in Deutschland gemäß der französischen Zuchtbuchordnung gezüchtet. Hierfür gibt es ein separates Register – in Frankreich. Beleg hierfür sind z.B. die Geburtenregister der Hengste Roc de Montfort und Light Up de Vonnas bei Les Haras Nationaux. Ein eigenes Register im deutschen Zuchtverband ist daher überflüssig. Frei nach Orwell würde die Annahme des Zuchtbuch-Änderungsantrages bedeuten: Traber der Deutschen und der Französischen Rasse sind gleich, aber manche sind gleicher!

Zusätzlich zur Änderung der Satzungen des Zuchtbuches, wie es das Präsidium beantragt, müsste unseres Erachtens einhergehend eine Änderung der Satzung über den Tätigkeitsbereich des HVT erfolgen. § 1 besagt, der sachliche Tätigkeitsbereich erstreckt sich auf die Tierart Pferd, Rasse Deutscher Traber. Von der Führung eines Zuchtbuches Rasse Französischer Traber ist dort keine Rede. Die Annahme des Antrages wäre in vielerlei Beziehung satzungswidrig.

Ein Zuchtverband der sich abschafft
Zu kritisieren sind Einschränkungen, sogar der vollständige Fortfall von Aufgaben im Zuchtbuchbereich. So beantragt das Präsidium den endgültigen Rückzug aus der Aufsicht der Hengste-Selektierung. Dabei dachten wir immer, der HVT sei ein Zuchtverband? Der gesamte § 15 der Zuchtbuchordnung soll entfallen. Das Hengstregister sieht jetzt schon u.a. wie folgt aus (Auszug aus dem Deckhengstregister 2017):

Dessert Storm, geb. 2001 v. JD’s Tryst – Belle. Rekord: 0. Gewinne: 0.
Höwings Max, geb. 2004 v. Bernas Storm – Höwings Anna. Rekord: 7j. 1:16,5 / 1609 m. Gewinne: 5.285 Euro. 108 Starts, 2 Siege.
Speedy Photo LK, geb. 2007 v. Fast Photo – Anymore. Rekord: 7j. 1:17,5 / 2000 m. Gewinne: 6.926 Euro. 113 Starts, 1 Sieg.

Gedruckte Gestütsbücher und Jahresstatistiken gibt es zwar seit Jahren nicht mehr, der Antrag des Präsidiums: „Zusammenfassung jährlich auf der HVT-Webseite“, ist unseres Erachtens aber zu allgemein gefasst. Man möchte sich seiner Pflichten entledigen.

Nicht zu fassen und außerhalb internationaler Standards ist die geplante Festschreibung der jährlichen Bedeckungen auf maximal 75 pro Hengst. Die Begründung, „Anpassung aufgrund der immer mehr sinkenden Bedeckungszahlen“, ist eine Offenbarung des eigenen Versagens. Vorschläge zum Schutz und Wohlergehen der deutschen Traberzucht sucht man vergebens. Verantwortung und Fürsorge für die Traberzucht in Deutschland sieht nach unserem Verständnis anders aus.

Die GoTrabGo-Anträge
Eine Flut von Anträgen stammen wie eingangs erwähnt von Bernd Rosengarten und den Arbeitsgruppen der GoTrabGo-Initiative. Hierzu zählen:

1) Die Aufnahme von ethischen Grundsätzen für Traberfreunde und von ethischen Grundsätzen im Trabrennsport.
2) Im Dopingfall die Bekanntgabe des relevanten Dopingmittels samt gefundener Konzentration.
3) Möglichkeit der passiven Züchtermitgliedschaft ohne Stimmrecht.
4) Veröffentlichung einer HVT-Funktionärsliste aller Organe inkl. persönlicher Daten (Alter, Beruf).
5) Versendung von Jahresbericht, Jahresabschluss und Haushaltsplan mit der Einladung zur Mitgliederversammlung.
6) Fristverlängerung zur Einberufung der ordentlichen Mitgliederversammlung bis Ende September eines Jahres.
7) Zulassung von schriftlichen Stimmrechtsübertragungen mit oder ohne Weisung.

Mit Interesse werden wir verfolgen, wie das Präsidium die Anträge von GoTrabGo bewertet. Zu befürchten ist, dass der Vorstand das Abstimmverhalten durch ablehnende Äußerungen zu beeinflussen versucht.

Weitere erwähnenswerte Anträge
Bemerkenswert ist auch ein Antrag des Präsidiums zur Aufhebung des § 119, Abs. 1: Rechtsmittel gegen Entscheidungen der Rennleitung. Der betreffende Paragraph schließt die Berufung gegen Ordnungsmittel bis zum Betrag von 200 Euro aus. Nach mehreren Rügen öffentlicher Gerichte zeigt der HVT nun erzwungenermaßen Einsicht.

Anträge von Mitgliedsvereinen zielen u.a. darauf ab, die Nachnennung von Pferden in Zirkelrennen abzuschaffen und den HVT aufzufordern, Einfluss auf Rennvereine auszuüben, die Anzahl der Besitzerfahren deutlich zu erhöhen. Letzteres könnte vielleicht gelingen, wenn der HVT den Rennveranstaltern mit dem Entzug der begehrten PMU-Veranstaltungen drohen würde. Vielleicht das einzige Druckmittel, das dem HVT hier zur Verfügung stünde.

Zahlreiche Anträge von Einzelmitglied Immo Müller wurden vom Präsidium wohl mit Kalkül an das Ende der Tagesordnung platziert. Ein schwebender Rechtsstreit zwischen dem HVT-Präsidenten und dem Antragsteller lässt erahnen, warum die Anträge von Immo Müller – entgegen aller Gepflogenheit – der Einladung nicht in Kopie beigefügt wurden.

Seine Anträge beziehen sich auf die Verwaltung der Breeders Crown-Einsätze, den Rechtsstreit mit dem Finanzamt, die Benennung der Kosten der Zuchtwertschätzung und deren Vorlage sowie die Offenlegung der bislang vorenthaltenen Präsidiumsprotokolle, auch der separat protokollierten Zuchtangelegenheiten. Für den fortwährenden Satzungsverstoß in Bezug auf die Präsidiumsprotokolle beantragt Immo Müller eine (erneute) Rüge des Präsidiums. Vermutlich wird sich ein großer Teil der Versammlung bis zur Behandlung dieser wichtigen Tagesordnungspunkte verabschiedet haben.

Die Mitgliederversammlung 2017 erscheint von Wichtigkeit für die Zukunft des deutschen Trabrennsports. Allerdings vermissen wir Vorschläge, wie sich der Zuchtverband die Zukunft (des deutschen Trabers) vorstellt. Wer Unterstützung erwartet, muss seinerseits zur Mitnahme bereit sein. Das erkennen wir nicht. Die allgemeine Stimmung im deutschen Trabrennsport war selten so trüb wie heute.