Eindrücke aus Amerika
vom 20.10.2017

(jg) – Traber-News.com war in Lexington (USA) und hat die Rennbahnen Red Mile und Keeneland besucht, die Lexington Selected Yearling Sale sowie Traber- und Galopper-Farmen.

Die Züchter
Auffällig ist, dass der amerikanische Pferdesport ganz im Zeichen großer Zuchtfarmen steht. Das trifft sowohl auf die Traber und Pacer und auch auf die Galopper zu. So ist Russell Williams, Präsident des amerikanischen Zuchtverbandes USTA (United States Trotting Association), gleichzeitig Mitinhaber der Hanover Shoe Farm, der bedeutendsten Traberzuchtstätte der Welt. Die Stakesrennen während der Rennwoche um das Kentucky Futurity wurden von führenden Farmen gesponsert. Die Rennwoche und die Auktion in Kentucky dient den Züchtern als Bühne.

Das macht es aber auch so schwierig, dringend nötige Innovationen im amerikanischen Pferderennsport durchzusetzen. An der Züchterlobby kommt keiner vorbei. Alles ist dem Wohl der Züchter unterworfen. Und denen geht es zur Zeit sehr gut.

Da stört es anscheinend wenig, dass die Rennen monoton über die Distanz von einer Meile (1609 Meter) abgehalten werden. War schon immer so. Da stört es wenig, dass die Rennzeiten immer noch in Fünftelsekunden gemessen werden. War schon immer so. Da stört es wenig, dass Langeweile herrscht und Rennen monoton „single file“ gefahren werden, wie an einer Perlenkette aufgereiht. War schon immer so. Da stört es wenig, dass ein nicht unerheblicher Teil der jungen Pferde nach zwei Rennsaisons ausgebrannt ist. War schon immer so. Hauptsache, die Züchter verkaufen ihre Zuchtprodukte zu bestmöglichen Preisen und Deckhengste bringen Millionen an Deckgelder ein.

Ist unsere Kritik am amerikanischen Rennsport überzogen? Wir glauben, nein. Der Wettumsatz in Yonkers beispielsweise ist gleichbedeutend mit den ausgeschütteten Rennpreisen. Wie geht so etwas? Das Zauberwort heißt: Racino! Der amerikanische Pferderennsport wird mit Hilfe von Glücksspielautomaten am Leben erhalten. Wie lange noch?

Die besten Traber auf diesem Planet befinden sich mittlerweile in Europa. Der jüngst von dem italienischen Hengst Twister Bi dominierte International Trot ist Beleg dafür. Amerikas beste Klasse war chancenlos. Und Pferde wie Twister Bi gibt es in Europa noch einige mehr.

Selbst die besten zwei- und dreijährigen Pferde Amerikas würden nach unserer Einschätzung einen schweren Stand gegen die Eliten aus Frankreich und Skandinavien besitzen. Es bedarf schon eines Ausnahmetrabers, um mit der europäischen Elite auf Augenhöhe zu stehen. Die einst unumstrittene Dominanz junger Pferde aus Nordamerika ist jedenfalls keine Selbstverständlichkeit mehr.

Die Racinos
Wir unterhielten uns mit dem Leiter des Racinos der Red Mile. 904 Spielautomaten befinden sich im Erdgeschoss der Rennbahn von Lexington. Es handelt sich überwiegend um „Historical Racing Games“. Das Publikum ist fast ausschließlich weiblichen Geschlechts. Geöffnet ist der Laden jeden Tag von 10 Uhr bis 2 Uhr morgens, freitags und samstags bis 4 Uhr morgens. Nur am 1. Weihnachtsfeiertag stehen die Automaten still.

Den höchsten Jackpot mit 46.500 Dollar knackte kürzlich eine Dame. Am folgenden Wochenende sollten mehrere Fernsehern verlost werden. Man bemüht sich, denn auch auf dem Lande ist die Konkurrenz allgegenwärtig.

Die Gewinne des Racinos wollte uns unser Gesprächspartner nicht verraten, wohl aber den Umsatz eines weiteren Racinos in Kentucky, dass die Red Mile (Traber) und Keeneland (Galopper) gemeinsam betreiben. Dort befinden sich „nur“ 600 Spielautomaten. Monatlicher Umsatz: 60 Millionen Dollar. Tendenz steigend. Wir wissen, dass die Netto-Marge zwischen ein und zwei Prozent liegen soll. Damit werden die Rennpreise, der Erhalt der beiden Rennbahnen in Lexington und die Strukturverbesserung der Zucht finanziert.

Besuch einer Galopper-Farm
Vor unserer Rückreise nach Deutschland besuchten wir eine der führenden Galopper-Farmen Kentuckys. Die Zahlen sind gigantisch. 250 Pferde auf 3.200 Acres (nahezu 13 Millionen Quadratmeter). 84 festangestellte Mitarbeiter. 13 Deckhengste. Jährliche Fixkosten für den Unterhalt der Farm: vier Millionen Dollar.

Der teuerste Deckhengst kostet 250.000 Dollar Decktaxe. Es sollen sogar schon bis zu 450.000 Dollar für einen Sprung gezahlt worden sein. Der Hengst deckt jährlich nahezu 100 Stuten und ist in 40 Shares aufgeteilt. Wert des Hengstes: 80 Millionen Dollar. Die jährlichen Einkünfte der Farm mit diesem Hengst allein sollen 23 Millionen Dollar betragen. Einige Nachkommen des Hengstes sind für mehr als eine Million Dollar verkauft worden.

Die meisten Deckhengste besitzen allerdings eine Lebensgewinnsumme von weniger als eine Million Dollar. Der Star-Vererber der Farm hat knapp 400.000 Dollar auf seinem Gewinnkonto stehen. Das große Geld machen die Zuchtfarmen also durch den Verkauf junger Pferde und die Vermarktung ihrer Deckhengste. „Wenn ein Hengst zwei oder drei große Rennen gewonnen hat, ist seine Rennkarriere beendet“, sagte uns der Gestütsleiter. „Dann geht er in die Zucht.“

Das Geschäft ruht auf Illusionen. Jeder möchte den zwei-, dreimaligen großen Sieger im Stall haben und an den Träumen teilhaben.

Das Leben der vierbeinigen Stars der amerikanischen Vollblutzucht ist übrigens alles andere als süß. Es ist anstrengend. Besamung ist bekanntlich verboten. Dreimal täglich müssen die Hengste ihrer Arbeit nachkommen, wenn rossige Stuten vor der Deckhalle Schlange stehen. Während der Decksaison jeden Tag. Vier kräftige Männer bedarf es, die sich um die Unversehrtheit der Paschas kümmern und unwillige Stuten vom Schlagen fernhalten.

Nicht wenige Deckhengste sterben allzu früh. Es ist die Kehrseite des Ruhms auf der Rennbahn und der Preis für die Verweigerung moderner Besamungspraktiken.