Hamburger Tagebuch
vom 15.10.2015

(jg) – Bei strahlendem Sonnenschein, früher sagte man Kaiserwetter, gelangte der Große Preis von Deutschland, der Jugend-Preis und das Kurt Hörmann-Rennen am vergangenen Sonntag in Hamburg-Bahrenfeld über die Bühne.

Beim Betreten der Rennbahn bin ich zunächst ein wenig irritiert. Keine Security und freier Eintritt. Oha! Doch gänzlich ohne „Hürde“ beginnt das Rennbahnvergnügen dann doch nicht. Ich habe mich akkreditieren lassen. Die junge Dame an der Rezeption findet meinen Namen auf der Gästeliste und bittet mich auszuweisen. Hinter mir steht Niels Thomsen, Vorstandsmitglied des Hamburger Trab-Zentrums. Bevor ich meine Personalien hervorsuche ruft er der jungen Dame zu, das ist Herr Gaßner, dass kann ich bestätigen. Ich darf passieren. Nun ist Niels Thomsen an der Reihe. „Und wer sind Sie?“, fragt die junge Dame.

Katrin Wohlers, 26 Jahre, ist seit dem 1. September u.a. für die Pressebetreuung verantwortlich. Die nette Dame erzählt, dass sie viele Jahre in den Ställen auf der Gegenseite der Rennbahn gearbeitet hat. Eine Dame mit „Stallgeruch“ quasi.

Ich treffe Franck Zickmantel mit Sohn Fabian. Er berichtet, dass er auf der gestrigen Jährlingsauktion keinen Jährling erworben hat. Nur zum Zugucken sei er gekommen. Sein Cash Hanover soll in Gelsenkirchen im St.-Leger starten und im Januar in Vincennes.

Nur wenige Stuhlreihen weiter sitzt Hans-Jochen Thenagels, Lehrlingschampion der Jahre 1970 und 1971 und interessierter Leser der Traber-News.com Nachrichten. Das höre ich gern.

Der Dresdner Vollblut-Rennstallbesitzer Bernd Nebel sitzt in Begleitung von Manfred Zwiener und Nicole Fink im Kurt Hörmann Club. Manfred Zwiener erzählt, dass er Partout Simoni als zweijähriges Pferd im Training hatte. Bernd Nebel hat am Vorabend zwei Traber-Jährlinge erworben. Aber nicht die „Geplanten“, sondern eher spontan. Der Rotschimmel-Hengst Campione gehört dazu.

Um eine Hoffnung reicher ist auch Heinz-Ulrich Bornmann. Der Ennepetaler hat sich aus dem erlesenen Auktionslot der Grand Prix Sale He’s a Fortuna ausgesucht, einen Halbbruder zum vielversprechenden Jahrgangs-Spitzenpferd Guccio Fortuna.

Sibylle Krüger kreuzt meinen Weg. Sie hat am Vorabend nicht gekauft sondern verkauft. Sie und Ihr Gatte, Traberlegende Gerhard Krüger (91!), sind wie immer bestens aufgelegt. Sibylle Krüger verspricht, ihren Gerhard noch viele Jahre gut zu pflegen.

Mit Jean Huls treffe ich einen weiteren Züchter. Er hat Tags zuvor drei Jährlinge für zusammen 53.000 Euro verkauft und ist mit dem Ergebnis zufrieden. Für Solvato, den Vollbruder zu Dreambreaker, Zweiter im Jugend-Preis, hat Jean Huls sicherlich etwas mehr Geld erwartet. Umso besser bezahlt war dafür Best Kept Secret, den Michael Larsen im Auftrag für Ulrich Mommert ersteigert hat.

Apropos Michael Larsen. Er wusste zu berichten, dass die Verletzung von Banks sehr gut verheilt ist und wir den Abano As-Sohn möglicherweise in den nächsten Wochen wieder am Start erwarten dürfen.

Mit Gerrit Steenge und Richard Busch treffe ich zwei Züchter, die „nur auf Besuch“ sind. Dabei ist auch Ex-Traberbesitzer Carlheinz Schäfer. Während Steenges Mona Lisa As dieses Jahr leider nicht aufgenommen hat, berichten Richard Busch und sein Sohn Peter von fünf tragenden Stuten. Zwei Stuten lassen ein Fohlen nach Orlando Vici erwarten, eine Stute ist tragend nach Love You. Die restlichen beiden Stuten sind erfolgreich von Formula One und Brad De Veluwe bedeckt worden.

Die VIP-Lounge in der Haupttribüne ist zwar schwach besetzt, dafür treffe ich Menschen, die dem Trabrennsport mit Herz und Seele verbunden sind. Einer davon ist Sönke Gedaschko. Man sieht ihm die ehrliche Freude an, als er von der ersten morgendlichen Trainingsfahrt seit seinem schweren Unfall berichtet.

Großartig auch das Engagement von Dagmar und Thomas Bosner, die ihren Pferden einen würdigen Lebensabend besorgen. Beide sind heute morgen von einem Florida-Urlaub heimgekehrt, um bei der Verabschiedung ihres Bagley dabeizusein. Dagmar Bosner sagt mir, dass sie noch unter Jetlag leide und unter normalen Umständen heute nicht zur Rennbahn gegangen wäre. Bagley präsentiert sich spitze. Der Wallach wird von seinem Züchter Ignatz Bramlage in Empfang genommen und ist nun der 23. „Rentner“ auf seinem Hof.

Die würdige Verabschiedung eines tollen Rennpferdes. HTZ-Geschäftsführer Klaus Koch hat einen Korb mit Leckereien mitgebracht und Besitzer Thomas Bosner reicht dem glänzend aussehenden Bagley eine Kostprobe.

Zu den Gewinnern des Nachmittags zählt zweifellos Marion Jauß. Ihre erst kürzlich erworbene Gilda Newport gewinnt in großartiger Manier den Jugend-Preis und gibt Anlass zu größten Hoffnungen. Trainer und Fahrer Dion Tesselaar schwärmt zu Recht von einem außergewöhnlichen Pferd. Besitzerin Marion Jauß ist bei der Siegerehrung die Bewunderung für Gilda Newport deutlich anzusehen.

Besitzerin Marion Jauß und Trainer Dion Tesselaar dürfen stolz sein auf Gilda Newport. Die Stute ist derzeit die Nr. 1 im jüngsten Jahrgang.

Die Neritzer Gestütsherrin selbst hatte der Grand Prix Sale am Abend zuvor das Highlight aufgesetzt. Für 70.000 Euro kaufte sie den Bruder zur letztjährigen Stuten-Derbysiegerin Pippa Barosso. Das Bieterduell – mit Ulrich Mommert? – hatte sich äußerst spannend gestaltet. Auktionator Hans Sinnige sprach bildlich von einem Überholvorgang auf dem „open stretch“.

Der Große Preis von Deutschland sieht lange Zeit nach einem deutschen Sieg aus. Stall Cortinas Jamil Cortina mit Robbin Bot erwischt einen glänzenden Start und legt eine flotte Pace vor. Nur drei Pferde vermögen zu folgen. Der Rest eliminiert sich selbst oder kämpft verzweifelt um Anschluss. Am Ende triumphieren die Favoriten. Der Sieger heißt Exodus Hanover im Besitz von Lennart Agren, trainiert von Roger Wallman und gefahren von dem sympathischen Norweger Kenneth Haugstad.

Besitzer Lennart Agren und Trainer Roger Wallman sind nicht vor Ort. Beide halten sich in Kentucky (USA) auf. Roger Walmanns D’One siegte nur wenige Stunden zuvor auf der Red Mile im Allerage Farm Mares Trot.

Kenneth Haugstad im Interview mit Martin Fink.

Die Sieger im Großen Preis von Deutschland: Kenneth Haugstad und Exodus Hanover.

Jamil Cortinas Züchter und Besitzerin Doris Wilhelm ist trotz des vierten Platzes überglücklich. Sie plant mit Jamil Cortina nächstes Jahr einige Gastspiele in Frankreich. Mit einem dritten Platz in einem Gruppe 1-Rennen hätte es in Frankreich in den unteren Gewinnklassen zum Ausschluss kommen können. „Da verzichte ich gerne auf 10.000 Euro Preisdifferenz und halte mir dafür alle Optionen offen,“ sagt die Kölnerin.

Mit zwei Pferden war Trainer Lutfi Kolgjini im Großen Preis von Deutschland vertreten. Nach dem Rennen treffe ich „Ludde“ auf der Tribüne. Ich gratuliere zum fünften Geld seines Schützlings Abaz America, merke jedoch, das Ergebnis entspricht nicht dem Anspruch eines Kolgjini. Er befindet sich auf der Durchreise nach Paris.

Es gab großartigen Sport in Hamburg zu erleben. Das Engagement zahlreicher Besitzer und Züchter trotz wenig ermutigender Nachrichten verdient daher ausdrücklich gewürdigt zu werden. Die Leistungen der Pferde des jüngsten Jahrgangs waren stark wie seit Jahren nicht mehr.

Zugegeben, manches Detail in der Vorbereitung wie im Ablauf der Rennveranstaltung wirkte nicht professionell. Mit Groß-Events in Solvalla oder Paris darf sich kein deutscher Rennveranstalter vergleichen. Nach über 50 Jahren des dabei sein bin ich dankbar, dass überhaupt noch Renntage dieser Art in Deutschland stattfinden. Ich hoffe, dass die Trabergemeinde auch 2016 noch viele Große Preise und Spitzensport in Hamburg und anderswo erleben darf.