Nachruf: Peter Kraus
vom 23.01.2016

(jg) – Mit Trauer und Bestürzung hat Traber-News.com vom Tod des langjährigen Züchters und Rennstallbesitzers Peter Kraus erfahren.

Ich hatte zuletzt im Herbst 2012 telefonischen Kontakt mit Peter Kraus gehabt. Sein Vater Wilhelm Kraus und die Stute Altona waren als Kandidaten für die Hall of Fame des deutschen Trabrennsports vorgeschlagen worden. Altona, die Stammmutter der Straßlacher Zucht, fand anschließend Aufnahme in die Hall of Fame. Obwohl Peter Kraus zu dieser Zeit faktisch mit dem Trabrennsport abgeschlossen hatte, erkundigte er sich interessiert, ob man die Grand Circuit-Rennen in Lexington per Internet live verfolgen könnte. Von der Red Mile und Lexington hat er immer geschwärmt. Leider konnte ich ihn damals nicht dazu bewegen, zur Inthronisation seiner Altona nach Gelsenkirchen zu kommen.

Nun ist der Zeitpunkt gekommen, das Wirken von drei Generationen Kraus für den deutschen Trabrennsport abschließend zu würdigen. 1923 war Peter Kraus’ Großvater, Kommerzienrat Wilhelm Kraus, durch Zufall zu seinem ersten Traber gekommen. Wilhelm Kraus war ein erfolgreicher Kaufmann in der Filmbranche gewesen. Unter dem Pseudonym Stall Geiselgasteig waren die grünen Farben mit den weißen Tupfern und der grünen Kappe schnell zu einem Begriff im bayerischen Trabrennsport geworden. Seit dem Umzug nach Straßlach 1938 firmierten Rennstall und Gestüt unter dem Namen Gestüt Straßlach.

Nach dem Krieg war Kommerzienrat Wilhelm Kraus vom Bayerischen Staatsministerium zum kommissarischen Leiter des Münchner Trabrenn- und Zuchtverein zur Reorganisation des Rennbetriebes eingesetzt worden. Wilhelm Kraus stand bis zu seinem Tod 1952 an der Spitze des Münchener Trabrenn- und Zuchtvereins, der sich aus dem Nichts zum führenden Trabrennveranstalter Deutschlands entwickelte.

Führend im bayerischen Trabrennsport war zu jener Zeit auch der Rennstall und die Zucht des Gestüts Straßlach, welches in der Verantwortung von Peter Kraus’ Vater Wilhelm Kraus jr. lag. Wilhelm Kraus jr. war passionierter Amateurfahrer. 13 Mal errang er das deutsche und 14 Mal das bayerische Amateurfahrerchampionat. 875 Sieger steuerte Wilhelm Kraus jr. während seiner ruhmreichen Amateurfahrerkarriere, 34 Siege davon in Zuchtrennen und fast ausnahmslos mit Pferden im Familienbesitz und aus eigener Zucht. Zu seiner Zeit war das Weltrekord.

Nach dem Tod seines Vaters 1980 führte Peter Kraus das Gestüt Straßlach in dritter Generation fort. In seiner Jugend war Peter Kraus ein Leichtathlet von internationalem Format gewesen. Er war Deutscher Jugendmeister über 100 Meter und nahm an den Olympischen Sommerspielen 1952 in Helsinki teil. Wie seinen Vater sah man Peter Kraus ausschließlich im Sulky eigener Pferde. In den HVT-Jahresstatistiken habe ich zwischen 1959 und 1993 insgesamt 133 Sulkyerfolge von Peter Kraus als Amateur und Berufsfahrer ausfindig machen können. Auch Peter Kraus’ Tochter Monika war in den 80er und 90er Jahren mehrfach im Amateursport erfolgreich.

Die Zucht des Gestüts Straßlach basierte auf amerikanischem Blut. Mit dem Erwerb des internationalen Spitzentrabers Calumet Bush und der Klassestute Altona begann der züchterische Aufstieg des Gestüts, der 1955 im deutschen Züchterchampionat gipfelte. Altona brachte zwischen 1940 und 1957 14 Fohlen zur Welt. Die Stute wurde Mutter bzw. Großmutter von vier Derby-Siegern, inklusive des Bayerischen Traber-Derbys. Der letzte bedeutende Traber aus der Familie der Altona war der internationale Gruppe 1-Sieger Copper Beech.

1986 traf ich Peter Kraus in Lexington, USA, wo er auf der Tattersalls-Auktion für eine bedeutende Summe die Speedy Crown-Tochter Sonora Lobell erwarb. Aus ihrer Nachkommenschaft stammen die Zuchtrennensieger Paige Lobell und Gigaro. Einige Jahre später importierte Peter Kraus Dollface Hanover aus den USA, welche Mutter des erstklassigen Mayon Bowl wurde.

Das trabersportliche Engagement der Familie Kraus wird in der Geschichte des deutschen Trabrennsports für immer einen außergewöhnlichen Platz einnehmen. Insbesondere der Trabrennsport in München hat der Familie Kraus unendlich viel zu verdanken. So erinnerte das Kommerzienrat Wilhelm Kraus-Gedenkrennen über viele Jahre an einen der Pioniere des bayerischen Trabrennsports.

Traurig ist, dass die heutigen Verantwortlichen im deutschen Trabrennsport über den Tod von Peter Kraus keine einzige Zeile verloren haben. Das ist erschütternd. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, wo man Personen, die dem deutschen Trabrennsport über Jahrzehnte mit großer Opferbereitschaft zur Seite gestanden haben, zumindest Respekt erwiesen hat.

Jürgen Gaßner