Brüder in der Traberzucht
vom 29.09.2017

(jg) – Ein interessantes Thema in der Pferdezucht ist immer wieder der Vergleich zwischen Voll- und Halbbrüder.

Obwohl die Anzahl der in der Traberzucht zum Einsatz kommenden Voll- oder Halbbrüder immens ist, haben nur wenige Geschwisterpaare epochale Bedeutung erlangt. Deshalb gilt in der Pferdezucht der allgemeine Leitsatz: „Lightning never strikes twice again!“ Wir sind einigen Beispielen nachgegangen.

Deutschland
Befassen wir uns zunächst mit einigen Brüderpaaren der deutschen Traberzucht. Der 7-malige Champion-Vererber Permit (geb. 1945 v. Epilog – Maienpracht) besaß zwei rechte Brüder in der Zucht. Beide waren Versager. Während Eo ipso (geb. 1957) kein einziges nennenswertes Pferd zeugte, ragte unter Visums (geb. 1951) 144 Nachkommen lediglich die Zuchtrennen-Siegerin Rosira heraus.

Diamond Way (geb. 1982 v. Super Way - Königskrone), 18 Jahre an der Spitze der deutschen Vaterpferde, hatte drei Brüder, mit denen Zuchtversuche unternommen worden sind. Sowohl seine rechten Brüder Inthe Way (geb. 1987) und Avanti Corona (geb. 1991) als auch sein Halbbruder Radetzky Boshoeve (geb. 1999) sind keiner Erwähnung wert.

Ein weiteres Beispiel: Corsaro (geb. 1953 v. Miramus - Coronia) und sein Halbbruder Girant (geb. 1961 v. Hermann W). Corsaro war Champion-Hengst, von Girant spricht kein Mensch mehr. Der Hengst war mit 179 Nachkommen gut beschäftigt, aber sein einziger Zuchtrennen-Sieger hieß Welheimer Comet. Girants Tochter Lapriss brachte die Zuchtrennen-Sieger Lapro und Dragon Diamond. Zu wenig.

Der 4-malige Vererber-Champion Lord Pit (geb. 1964 v. Permit – Nobleness) hatte mit Excellenz (geb. 1957 v. Scotland’s Comet) und den rechten Brüdern Ferrum (geb. 1958), Gutenberg (geb. 1959) und Hadu (geb. 1960) sogar vier Brüder, die in der Zucht zum Einsatz gelangten. Aus diesem Grund befindet sich Lord Pits Mutter Nobleness zu Recht in der deutschen Hall of Fame des Trabrennsports.

Excellenz zeugte nur 40 Nachkommen. Allegro war sein einziger Zuchtrennen-Sieger. Ferrum trat überhaupt nicht in Erscheinung. Auch Gutenberg war kein guter Vererber. Unter 127 Nachkommen war Schützenmajor sein einziger bedeutender Sieger. Lediglich Hadu besaß einige beachtenswerte Nachkommen. Unter seinen 158 Kindern befanden sich die Zuchtrennen-Sieger Majano, Peseta und Pluto. Peseta wurde Mutter von Belmont Pride.

Unsere Beispiele haben gezeigt, dass es große Unterschiede in der Vererbungskraft von Voll- bzw. Halbbrüder geben kann. Etwas milder urteilen wir zwischen Gerrol (geb. 1959 v. Permit – Manitoba), der dreimal das Vaterpferd-Championat gewann, und seinem Vollbruder Errol (geb. 1957). Unter Errols 319 Nachkommen befanden sich immerhin die Spitzenstute Franzi und weitere fünf Zuchtrennen-Sieger. Als Stutenvater zeichnete Errol u.a. für Isenburger und Frascati verantwortlich.

Nordamerika
Werfen wir einen Blick ins Ausland und beginnen in Nordamerika. Die Vollbrüder Conway Hall (geb. 1995 v. Garland Lobell – Amour Angus), Angus Hall (geb. 1996) und Andover Hall (geb. 1999) haben wir bereits in einem früheren Newsletter ausführlich vorgestellt. Nachzulesen hier: https://www.traber-news.com/article-14/items/die-hall-brueder.html

Conway Hall besitzt 1.533 Nachkommen in Nordamerika, die mehr als 80 Millionen Dollar gewonnen haben. Angus Hall ist Vater von 1.637 Nachkommen mit mehr als 90 Millionen Dollar auf dem Konto. Andover Hall, der jüngste der drei Brüder, besitzt auch schon 1.121 Nachkommen mit mehr als 73 Millionen Dollar Gewinne in Nordamerika. Ein derart erfolgreiches Terzett an Zuchthengsten ist unseres Wissens einmalig in der Traberzucht und widerlegt die eingangs erwähnte These vom Blitzeinschlag, der sich nicht wiederholt.

Zwei weitere Dreierpack-Beispiele der nordamerikanischen Traberzucht fallen uns ein, jedoch von weit geringerer Bedeutung. Royal Prestige (geb. 1983 v. Speedy Crown –Rosemary) hat mit Spellcaster (geb. 1980 v. Florida Pro) und dem ungeprüften Magna Force (geb. 1981 v. Florida Pro) zwei erwähnenswerte Halbbrüder. Spellcaster ist als Muttervater der deutschen Derby-Siegerin Sunset Lane in Erinnerung, während Magna Force durch seine Tochter Amour Angus als Muttervater der drei Hall-Brüder unvergänglichen Ruhm erlangt hat.

American Winner (geb. 1990 v. Super Bowl – BJ’s Pleasure) ist als Vater von Credit Winner und Viking Kronos und als Muttervater von Muscle Hill zu Weltruhm gelangt. Über seine Vollbrüder Super Pleasure (geb. 1988) und BJ’s Mac (geb. 1989) spricht man kaum noch.

Zwei prominente Brüder in der nordamerikanischen Traberzucht waren Hickory Smoke (geb. 1954 v. Titan Hanover – Misty Hanover) und Hickory Pride (geb. 1956 v. Star’s Pride). Hickory Pride wird in amerikanischen Zuchtstatistiken mit 517 Siegern gelistet, davon 109 mit Pacer-Rekord. Sein Halbbruder Hickory Smoke, in jungen Jahren das erfolgreichere Rennpferd, brachte es auf 474 Sieger.

Die Hickory Pride-Hengstlinie ist auch nach mehr als 50 Jahren über Hickory Prides Ur-Enkel SJ’s Photo aktiv. Hickory Smoke hingegen hat keine bleibenden Spuren hinterlassen.

Eine Besonderheit in unserer Auflistung stellen die Brüder Sam Williams (geb. 1922 v. Peter Scott – Blitzie) und Walter Dear (geb. 1926 v. The Laurel Hall) dar. Die bemerkenswerten Deckkarrieren der beiden Halbbrüder fanden nämlich in Europa statt.

Über seinen 1934 geborenen Sohn Mousko Williams ist Sam Williams Begründer des am stärksten ausgeprägten Hengste-Stamm in Frankreich geworden. Sechs Generationen von Sam Williams entfernt finden wir heute Coktail Jet.

Walter Dear hingegen hatte das Pech, während der Kriegswirren im Berliner Umland stationiert gewesen zu sein. Er wurde Beute russischer Soldaten. Sein erster Nachkomme, Probst, geb. 1932, war 1939 Zweiter im Prix d’Amerique. Unter 193 Nachkommen, die Walter Dear in der Zucht hinterließ, befanden sich 32 Zuchtrennen-Sieger. 24 seiner Söhne fanden Verwendung in der Zucht.

Von Interesse nicht nur aus deutscher Sicht sind die Vollbrüder Bonefish (geb. 1972 v. Nevele Pride – Exciting Speed) und Cheetah (geb. 1977). Unvergessen ist Bonefishs bester Sohn, Prix d’Amerique-Sieger Sea Cove. Er war unfruchtbar. In Frankreich jedoch ist die Bonefish-Hengsteline absolut "heiß". Timoko, Ready Cash, Jag de Bellouet und Niky halten dort die Fane für Bonefish hoch.

In Deutschland eroberte Cheetah dreimal das deutsche Vaterpferd-Championat. Unter seinen 749 Nachkommen befanden sich 25 Zuchtrennen-Sieger, u.a. Derby-Sieger Toppino.

Frankreich
Wenden wir uns der französischen Traberzucht zu, die relativ viele rechte oder Halbbrüder kennt. Oftmals sogar sehr erfolgreich.

Beginnen möchten wir mit den Vollbrüdern Kairos (geb. 1932 v. The Great McKinney – Uranie) und Ogaden (geb. 1936). Beide Hengste waren das Produkt der Prix d’Amerique-Siegerin Uranie in Verbindung mit The Great McKinney, ein Hengst der amerikanischen Traberrasse.

Sowohl Kairos als auch Ogaden standen zwischen 1952 und 1958 an der Spitze der französischen Vererber-Statistiken, doch Kairos war definitiv der Erfolgreichere von beiden. Allerdings nicht in der Fortsetzung einer Hengstlinie. Der aktuell sehr erfolgreiche Orlando Vici geht nämlich auf Ogaden zurück, während die Hengstlinie von Kairos erloschen ist.

Einem ähnlichen Zuchtexperiment entstammen die Hengste Florestan (geb. 1971 v. Star’s Pride – Roquepine) und Granit (geb. 1972 v. Ayres). Genauso wie Uranie gewann auch Roquepine dreimal den Prix d’Amerique und wurde in der Zucht mit Hengsten der amerikanischen Traberzucht gepaart.

Weder Florestan noch Granit standen jemals an der Spitze der französischen Zuchtstatistiken, doch insbesondere Florestan hat der französischen Traberzucht bedeutende Impulse verliehen. Von seinem Halbbruder Granit spricht man hingegen kaum noch.

Wie Kairos und Ogaden standen auch Fakir du Vivier (geb. 1971 v. Sabi Pas – Ua Uka / 803 Nachkommen) und Jet du Vivier (geb. 1975 v. Sabi Pas / 1.342 Nachkommen) an der Spitze des französischen Vaterpferd-Championats. Mit Hadol du Vivier (geb. 1973 v. Mitsouko) und Qlorest du Vivier (geb. 1982 v. Florestan / 498 Nachkommen) besaßen sie noch zwei weitere Brüder in der Zucht.

Obwohl Hadol du Vivier auf der Rennbahn als der Beste der vier Brüder galt, war er in der Zucht der Erfolgloseste. Fakir du Vivier hingegen ist als Großvater von Coktail Jet heutzutage in fast allen französischen Pedigrees zu finden und daher mit Abstand der Bedeutendste.

Zum Abschluss unserer Betrachtungen drei französische Brüder, die lange Zeit weit oben in der Gunst vieler Traberzüchter Frankreichs standen. Kerjacques (geb. 1954 v. Quinio – Arlette III), Quito (geb. 1960 v. Carioca II) und Seddouk (geb. 1962 v. Carioca II).

Kerjacques war als 11-maliger Vaterpferd-Champion einer der bedeutendsten Vererber der französischen Traberzucht. Heute steht sein Erbe auf tönernen Füßen und wird nur noch über seine Söhne Chambon P und Ejakval aufrecht erhalten.

Über Quito und Seddouk ist die Zeit hinweg gegangen. Kaziere de Guez war der letzte Vertreter der Quito-Hengstlinie und Prince Atout das letzte Lebenszeichen des Seddouk-Stamm.