Der Hambletonian-Favorit heißt Southwind Frank
vom 01.08.2016

(jg) – Ebenso wie das Deutsche Traber-Derby steht auch Amerikas bedeutendstes Rennen für dreijährige Traber am Wochenende vor der Entscheidung.

Am 6. August ist es soweit. Das 91. Hambletonian auf The Meadowlands wird Amerikas Elite der dreijährigen Traber zum ersten Rennen um die Dreifache Krone am Start vereinen. 84 Hengste und Wallache und 102 Stuten besaßen zuletzt noch ein Engagement. Übrig geblieben sind 18 Pferde am Tag der Starterangabe. Mögliche Vorläufe und das Finale um mindestens 1,2 Millionen Dollar werden neuerdings wieder am selben Tag entschieden.

Nach gut zwölf Monaten Rennerfahrung hat sich ein klarer Favorit auf die Jahrgangskrone herausgeschält. Der im Besitz einer Eigentümergemeinschaft befindliche Southwind Frank wird um die Favoritenehren nicht herumkommen. Der bei 17 Starts erst einmal regulär geschlagene Muscle Hill-Sohn hat bereits mehr als eine Million Dollar Gewinne auf seinem Konto stehen und mit dem Peter Haughton, William Wellwood, Breeders Crown und Earl Beal vier der bislang fünf Mega-Rennen seiner Generation gewonnen.

Angesichts einer derartigen Überlegenheit eines Pferdes stellt sich schnell die Frage, ist Southwind Frank wirklich so gut oder schwächelt die Konkurrenz? Nimmt man die bislang erzielten Rennzeiten zu Grunde, so könnten einem vielleicht Zweifel an der Güte dieses Jahrgangs kommen. Allerdings, mehr als Siege kann man von keinem Pferd verlangen. Und das gelang Southwind Frank bislang mit großer Überzeugung.

Es ist mittlerweile schon Usus geworden, dass Muscle Hill als Vaterpferd die erste Adresse geworden ist, wenn das Hambletonian zur Entscheidung ansteht. Southwind Frank stammt aus dem dritten Jahrgang von Muscle Hill, der 2009 selbst das Hambletonian gewann. Mit seinem ersten Jahrgang stellte Muscle Hill mit Trixton den Hambletonioansieger, und im vergangenen Jahr scheiterte seine Tochter Mission Brief als einzige Stute an dem Wallach Pinkman. Neben Trixton und Mission Brief zählten auch die Muscle Hill-Nachkommen Royal Ice, Resolve und Aldebaran Eagle zu den Finalisten der letzten beiden Hambletonians.

Über den neuen Zuchtgiganten Amerikas, Muscle Hill, ist wahrscheinlich schon alles geschrieben. 20 Siege bei 21 Starts und Gewinne von 3.273.342 Dollar besagen alles über die Klasse dieses Hengstes. Er ist augenblicklich die wichtigste Kette in der langen Linie seiner männlichen Vorfahren. Southwind Frank ist bereits Muscle Hills dritter Dollar-Millionär.

Ein Blick auf die mütterliche Seite von Southwind Frank weckt Erinnerungen an Greyhound. Elizabeth, geboren 1923 v. Peter the Great, ist die achte Mutter in der Generationsfolge von Southwind Frank. „Der weiße Blitz“, wie Greyhound auch genannt wurde, war über Jahrzehnte der schnellste Traber der Welt mit 14 Weltrekorden.

Greyhound besaß mit der Volomite-Tochter Yankee Maid 3, 1:15,7 eine Halbschwester von überragender Klasse. Yankee Maid war 2x3 auf Peter the Great ingezogen und gewann 1944 das Hambletonian in zwei Stechen gegen Emily Scott, die spätere Mutter der Hambletonian-Siegerin Emily’s Pride und Mutter von Noble Victory.

Yankee Maids Zuchtleistung war aller Ehren wert. Die Stute brachte zehn Fohlen zur Welt. Ihre 1955 geborene Tochter Yankee Lass v. Florican war ihre Beste. Die Stute lief 1958 in einem Time Trial (gegen die Uhr) mit 1:13,3 Weltrekord für dreijährige Stuten.

Yankee Lass war, wie ihre Mutter Yankee Maid, ein Zuchtprodukt der legendären Castleton Farm. Ihr erster Nachkomme war Fred Walker 1:17,3, der später für die Farben von Frederik Maarsen auch in Deutschland startete. In der Zucht hinterließ Fred Walker die Zuchtrennen-Sieger Lord Walker, Early Walker, Biber und Issly Walker.

Noch erfolgreicher als Fred Walker war Yankee Lass’ zweiter Nachkomme, die 1964 geborene Speed Model 3, 1:14,8 v. Speedster. Diese Stute triumphierte 1967 im Kentucky Futurity gegen die ‚Boys’. Ihr letzter Nachkomme hieß Twelve Meter 1:13,4 v. Speedy Somolli, der sich in der deutschen Traberzucht als Vater der Zuchtrennen-Siegerin Maydream Meter, Mutter von Cilantro, verdient gemacht hat. Eine andere Tochter von Twelve Meter brachte den ehemaligen Jahrgangs-Star Ganystar.

Southwind Franks direkte Mutterlinie führt uns von Yankee Lass weiter zu Claim To Fame 3, 1:18,8, Speed Models jüngere Vollschwester. Sie machte weder auf der Rennbahn noch im Gestüt ihrem Namen Ehre. Ganz anders ihre 1976 geborene Tochter Cast Off v. Noble Victory. Diese Stute hinterließ auf dem amerikanischen Grand Circuit mehrere erfolgreiche Nachkommen, u.a. den in der deutschen Traberzucht zum Einsatz gelangten Cape Canaveral 2, 1:13,2 v. Florida Pro. Doch ausgerechnet ihre auf der Rennbahn erfolglose Tochter Classic Casette, 1982 v. Florida Pro, entwickelte sich zum wichtigsten Eckpfeiler dieser Familie.

Classic Casette war einst mit zehn Nachkommen in der 2:00-Elite-Liste Amerikas die erfolgreichste Zuchtstute in der Geschichte des amerikanischen Sulkysports. Neun ihrer Nachkommen waren Stakessieger, allen voran Cayster 1:11,5, geb. 1987 v. Speedy Somolli, Program Speed 2, 1:12,2, geb. 1989 v. Super Bowl, Giant Hit 3, 1:11,1, geb. 1992 v. Speedy Crown, und Rockaroundtheclock 3, 1:11,5, geb. 1995 v. American Winner. Classic Casettes ungeprüfter Sohn Boy Band, geb. 2000 v. Lindy Lane, sorgt aktuell als Vater des Seriensiegers Obrigado im amerikanischen Trabrennsport für Furore.

Eine Tochter der Classic Casette ist die Super Bowl-Tochter Torcher, die Alwin Schockemöhle nach Deutschland holte. Sie ist Großmutter der Zuchtrennen-Siegerin Zelda Zonk und anderer gut klassiger Pferde wie Tiger As, Touch the Diamond oder den in Dänemark geborenen Oberon F.H.

Der mütterliche Zweig zu Southwind Frank führt über Classic Casettes 1999 geborene Tochter Clasicaly Designed 3, 1:12,3 v. Lindy Lane, zu Flawless Lindy 3, 1:13,5, geb. 2007 v. Cantab Hall. Clasicaly Designed war 2009 auf der Harrisburg Mixed-Sale offeriert. Tragend nach Kadabra wechselte die Stute für 16.000 Dollar den Besitzer.

Zu diesem Zeitpunkt war Flawless Lindy bereits geboren, deren erster Nachkomme Southwind Frank ist. Der Hambletonian-Favorit kostete 2014 auf der Lexington Selected Yearling Sales glatte 100.000 Dollar und wurde von derselben Besitzergemeinschaft ersteigert wie Mission Brief.

Aber die Dinge schienen sich zunächst nicht wie erhofft zu entwickeln. Im Stall von Champion-Trainer Ron Burke war Southwind Frank, benannt in Erinnerung an Frank Sinatra, zunächst bestenfalls die Nr. 3 oder 4. Das änderte sich im Juni 2015, als die ersten Baby Races auf dem Programm standen.

Die erste Kostprobe seines phänomenalen Könnens lieferte Southwind Frank am 8. Juni in einem Probelauf auf Gaitway Farm ab. Der Hengst endete als Zweiter in 1:14,7. Das war gut, aber längst nicht so sensationell wie der zweite Probelauf des Hengstes 14 Tage später. Diesmal stürmte Southwind Frank in 1:11,8 ins Ziel. Trainer Ron Burke war sprachlos.

Die Saison 2015 verlief für Southwind Frank fast makellos. Nur einmal, beim zweiten Lebensstart, patzte der Hengst im Einlauf und endete außerhalb der Platzierung. Seine restlichen 11 Starts gestaltete Southwind Frank zu Siegen. Die Wertvollsten waren natürlich die Triumphe im Peter Haughton, im William Wellwood und in der Breeders Crown. Komplettiert wurde die Saison mit zwei Erfolgen in New Jersey Sires Stakesrennen, Reynolds Memorial, Champlain und International Stallion Stakes. Die Auszeichnung zum „Zweijährigen Traber des Jahres“ war selbstredend verdient.

Im vergangenen Winter stieß mit der Diamond Creek Farm ein weiterer Investor zur Besitzergruppe hinzu. Nach Beendigung seiner Rennkarriere wird Southwind Frank auf Diamond Creek Farm, möglicherweise an der Seite von Father Patrick, Deckdienste verrichten.

Southwind Frank ist schon jetzt ein höchst interessanter Vertreter der modernen amerikanischen Traberzucht. Er vereint die beiden erfolgreichsten Linien Valley Victorys, Muscles Yankee und Cantab Hall, wie wir dies bereits bei Explosiv Matter beobachtet haben.

Für Trainer Ron Burke und Fahrer Yannick Gingras wäre ein Sieg im Hambletonian die Erfüllung ihrer Träume. Beide standen beim Griff an die Hambletonian-Trophäe bislang immer abseits der Zeremonie.