Die Traberzucht in Italien
vom 27.08.2015

(jg) – In der kommenden Zeit möchte Traber-News.com seine Leser über die wichtigsten Traberzuchten Europas und deren Trends informieren. Wir beginnen mit der Traberzucht in Italien.

Der italienische Trabrennsport kann auf eine lange Tradition verweisen. Bereits 1832 sollen in Padua Rennen zur Volksbelustigung stattgefunden haben. Die planmäßige Zucht von Trabern begann allerdings sehr viel später. Das erste italienische Traber-Derby wurde 1926 ausgetragen.

Trotzdem besitzt die Traberzucht in Italien seit jeher einen hohen Qualitätsstandard. Die europäischen Rekordlisten der Jahre vor 1945 waren oftmals mit Pferden der italienischen Zucht bestückt. Die 1930 vom Grafen Paolo Orsi-Mangelli und seinem Sohn Orsino gegründete Scuderia Orsi-Mangelli z.B. war über Jahrzehnte die bedeutendste Traberzuchtstätte Europas. Hans Frömming arbeitete für den Grafen und erzielte größte Erfolge mit den Trabern aus Le Budrie di San Giovanni in Persiceto.

Andere bedeutende Gestüte kamen im Laufe der Jahre hinzu. Die Toniattis, die Biasuzzis, Bambolaccia, Serenissima, usw. Anders als in Deutschland steht in Italien der Trab- dem Galopprennsport nicht nach. Es waren reiche Industrielle, die sich ihr Hobby etwas kosten ließen und über Jahrzehnte nur das Beste, Hengste wie Stuten, für ihren Rennstall und ihre Zucht erwarben. Vornehmlich aus Amerika, aber auch aus Frankreich oder Deutschland. Die Basis für eine erfolgreiche Traberzucht war also immer vorhanden. Diese Vorgeschichte über die Traberzucht in Italien sollte man sich in Erinnerung rufen, um die Ergebnisse unserer nachfolgenden Untersuchung besser einordnen zu können.

Unsere statistische Auswertung der Traberzuchten Europas basiert auf den Siegern sämtlicher Gruppe 1- und Gruppe 2-Rennen der Geburtenjahrgänge 2000 bis 2012, sowie den Zweit- und Drittplatzierten der Gruppe 1-Rennen. Insgesamt haben wir mehr als 1.000 Traber in unserer Datensammlung erfasst.

Vaterpferde amerikanischer Herkunft dominieren

Zunächst haben wir die Nationalität der Väter großer Sieger dokumentiert. Es sind überwiegend Hengste der amerikanischen Zucht (44 %), gefolgt von italienischen Hengsten (37 %), die die italienische Traberzucht bislang in diesem Jahrhundert geprägt haben. Französische Vaterpferde spielen, zumindest bis zu den 2006 geborenen Pferden, nur eine untergeordnete Rolle (13 %).

Nationalität Vater

Jahrgang

2000 – 2012

Jahrgang

2010 - 2012

Amerika 44 % 30 %
Italien 37 % 42 %
Frankreich 13 % 23 %
Europa 6 % 5 %

Die Anzahl amerikanischer Hengste in unserer Untersuchung ist breit gestreut. Die großen Sieger verteilen sich auf eine Vielzahl von Vaterpferden. Die Gruppe wird angeführt von Supergill und seinem Sohn Toss Out. Beide Hengste verfügen über einen Anteil von lediglich 12 Prozent innerhalb der Gruppe amerikanischer Hengste. Es folgt Pine Chip mit acht Prozent. Diese drei Hengste stellen rund ein Drittel der Pferde unserer Untersuchung, die von einem amerikanischen Vaterpferd stammen.

Eindeutiger sind die Rollen unter den Vaterpferden italienischer Herkunft verteilt. Mit Sharif di Jesolo besaß die italienische Traberzucht einst einen Hengst, der sogar der französischen Traberzucht seinen Stempel verliehen hat. Sharif di Jesolos Söhne und Enkel in Italien scheinen aber ihren Zenit überschritten zu haben. Unter seinen zahlreichen Söhnen waren Lemon Dra und sein Enkel Uronometro am erfolgreichsten. Lemon Dra kommt in unserer Auswertung der italienischen Vaterpferde auf einen Anteil von 21 Prozent aller Gruppe-Sieger, Uronometro erreicht einen Anteil von 12 Prozent.

Der dominierende italienische Hengst der vergangenen Jahre ist Varenne gewesen, ein Nachkomme der Speedy Crown-Hengstlinie. Varenne erreicht unter den Vaterpferden italienischer Herkunft einen Anteil von 27 Prozent. Als vierter italienischer Spitzenvererber von Rang ist Viking Kronos zu nennen, ein Nachkomme der Super Bowl-Hengstlinie. Sein Anteil unter den italienischen Vererbern beträgt 12 Prozent. Varenne, Lemon Dra, Viking Kronos und Uronometro zusammen sind für 72 Prozent aller Gruppe-Sieger der italienischen Zucht verantwortlich, die von einem italienischen Vatertier abstammen.

Ihren Einfluss auf die italienische Traberzucht haben französische Vaterpferde in den letzten drei Jahren fast verdoppeln können (von 13 % auf 23 %). In erster Linie ist dies Ganymede und Love You zuzuschreiben. Ein signifikanter Trend. Beide Hengste zusammen sind mit ihren Jahrgängen 2010 – 2012 für über 80 Prozent der italienischen Gruppe-Sieger mit einem französischen Vater verantwortlich.

Eine untergeordnete Rolle spielen in Italien Vaterpferde aus anderen europäischen Zuchten (6 %). Schwedische Hengste wie der Coktail Jet-Sohn Naglo oder der Super Arnie-Sohn Gigant Neo, aber auch Enjoy Lavec, Kramer Boy und unserer Prix d’Amerique-Sieger Abano As waren am erfolgreichsten.

Eine große Vielfalt an Hengstlinien

Nicht nur die Nationalität der Vaterpferde hat uns interessiert, sondern auch die Frage, welche Hengststämme sind am erfolgreichsten gewesen. Wir stellen fest, dass der Gen-Pool breit angelegt ist. In unserer Untersuchung bedienen wir uns neun unterschiedlicher Hengstlinien, wobei wir für den Speedy Crown Ur-Enkel Valley Victory und den Star’s Pride-Sohn Super Bowl eigenständige Linien bestimmt haben.

Die Abkürzungen in unserer Tabelle bedeuten:
SC = Hengste aus der direkten Linie von Speedy Crown (ohne Valley Victory)
SB = Hengste aus der direkten Linie von Super Bowl
SdJ = Hengste aus der direkten Linie von Sharif di Jesolo
AA = Hengste aus der direkten Linie von Arnie Almahurst
VV = Hengste aus der direkten Linie von Valley Victory
CJ = Hengste aus der direkten Linie von Coktail Jet
SP = Hengste aus der direkten Linie von Star’s Pride (ohne Super Bowl)
GL = Hengste aus der direkten Linie von Garland Lobell
s = sonstige Linien

Jahrgang SC* SB* SdJ* AA* VV* CJ* SP* GL* s*
2000 8 9 11 4 - 1 - - 2
2001 9 11 4 3 2 1 2 - -
2002 2 7 16 3 4 - 5 - 1
2003 6 11 7 6 3 - 3 - -
2004 7 11 6 3 3 1 3 1 -
2005 10 10 7 5 1 - 1 2 -
2006 12 6 12 4 3 3 2 - 1
2007 9 10 2 3 6 6 - 1 -
2008 5 8 4 4 2 4 5 4 2
2009 9 5 3 2 7 2 2 4 -
2010 11 3 1 4 3 5 3 3 -
2011 7 4 2 3 3 2 1 4 -
2012 7 - 1 3 3 3 - 3 -
Gesamt 102 95 76 47 40 28 27 22 6
  23 % 22 % 17 % 11 % 9 % 6 % 6 % 5 % 1 %

Der relativ konstante Beitrag der Speedy Crown-Hengstlinie in Italien ist in erster Linie auf die starke Präsenz des Championvererbers Varenne zurückzuführen. Auffällig ist die rückläufige Tendenz der Sharif di Jesolo- und der Super Bowl-Hengstlinie. Nach dem Tod von Lemon Dra hat es den Anschein, dass die  heimische Vaterlinie in Italien stark gefährdet ist. Zu retten wäre sie durch die Einfuhr französischer Nachkommen Sharif di Jesolos. Die hauptsächlichen Protagonisten der Super Bowl-Linie in Italien, Supergill, Toss Out und Viking Kronos, sind alt bzw. nicht mehr zeugungsfähig.

An Bedeutung zugenommen haben in den letzten Jahren die Hengstlinien von Valley Victory, Coktail Jet und Garland Lobell. Sie sind Spiegelbild der aktuellen amerikanischen und französischen Traberzucht. Wir erwarten, dass sich ihr Vormarsch fortsetzen wird.

Amerikanische Hengste als „broodmare sires“ Spitze

Ein Aspekt, der jeden Züchter interessieren sollte, sind belegbare Erhebungen in Bezug auf die Väter der Mütter (broodmare sires). In Deutschland sind in dieser Hinsicht noch nie relevante Statistiken erstellt worden. Unsere Untersuchung zeigt, dass die Mütter der italienischen Gruppe-Sieger zu zwei Drittel von amerikanischen Vaterpferden abstammen (67 %). Das ist erheblich mehr als die Gruppe-Sieger, die einen amerikanischen Hengst zum Vater haben (47 %).

Nationalität Muttervater

Jahrgang

2000 – 2012

Jahrgang

2010 - 2012

Amerika 67 % 58 %
Italien 22 % 30 %
Europa 6 % 9 %
Frankreich 5 % 3 %

Rechnet man die Stutenväter amerikanischer und italienischer Herkunft zusammen, gelangt man auf einen beeindruckenden Wert von nahezu 90 Prozent! Auch der Trend der letzten drei Jahre gelangt zu keinem anderen Ergebnis. Für den Züchter und Käufer italienischer Traber sollte das ein wichtiger Hinweis sein.

Herkunft und Leistung der Mütter

Neben der Herkunft der Hengste haben wir auch die Herkunft der Mütter der italienischen Gruppe-Sieger unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist eindeutig.

Nationalität Mutter

Jahrgang

2000 – 2012

Jahrgang

2010 - 2012

Italien 76 % 84 %
Amerika 18 % 11 %
Europa 5 % 5 %
Frankreich 1 % -

Drei Viertel aller erfassten Pferde stammen aus Müttern italienischer Herkunft (76 %). Der Trend zeigt sogar eine Zunahme auf 84 Prozent. Dies ist wohl das Resultat der eingangs beschriebenen Krise im italienischen Rennsport und dem fast vollständigen Erliegen neuer Importe. Ein wenig überraschend ist, dass von 443 Pferden unserer Untersuchung nur fünf (!) eine französische Mutter besitzen.

Wir haben auf eine ausführliche Erhebung der Rekorde und Gewinne der in unserer Statistik aufgeführten Mutterstuten verzichtet, da große Unterschiede innerhalb der europäischen Traberländer und Amerikas bestehen und ein fairer Vergleich nicht möglich erscheint. Dennoch haben wir die Rennkarrieren ALLER Zuchtstuten unserer Erhebung studiert und können versichern, dass die überwältigende Mehrheit der Stuten Rennleistungen erbracht haben.

Fast alle Mütter der italienischen Gruppe-Sieger begannen ihre Rennkarrieren im Alter von zwei Jahren. Selten dauerte sie länger als zwei oder drei Saisons. Man findet unter den Müttern sowohl ehemalige Jahrgangs-Spitzenstuten als auch eine Vielzahl Stuten mit eher bescheidenen Erfolgen. Letztere sind häufig Opfer der frühen Inanspruchnahme geworden.

Mit unserem Newsletter nächste Woche werfen wir einen Blick auf die Traberzucht in Schweden.