Superstar Lionel
vom 02.03.2016

(jg) – Spätestens seit seinem glorreichen Sieg über Bold Eagle im Grand Prix de Paris gebührt dem sechsjährigen norwegischen Hengst Lionel Respekt und Bewunderung zugleich.

Rennkarriere
Die unglaubliche Karriere Lionels nahm ihren Anfang im Juni und Juli des Jahres 2012 mit zwei unscheinbaren „mönstringslöp“ in Momarken (Norwegen). Diese Rennen für zweijährige Pferde sind mit den schwedischen „premielopp“ zu vergleichen, wo es lediglich um einen zwischenzeitlichen Leistungsnachweis geht. Der erste ernsthafte Qualifikationsversuch mit Lionel fand im April 2013 statt und ging in die Hose. 10 Tage später qualifizierte sich Lionel in Bjerke in 1:21,0 / 2140 Meter mit Cato Antonsen im Sulky.

Der Startschuss zu Lionels phantastischer Rennkarriere erfolgte am 25. Juni 2013. Dem Hengst müssen von Beginn an hohe Erwartungen gegolten haben, die Lionel mit seinen ersten vier Lebensstarts noch nicht komplett einzulösen vermochte. Dreimal war er Zweiter, und beim vierten Lebensstart, im Prinsesse Märtha Louises Pokallöp, sogar unplatziert. Erst mit seinem fünften Auftritt legte Lionel die Maidenschaft ab.

2014, mit vier Jahren, begann für Lionel der Aufstieg in die beste Klasse seines Landes. Bei nur neun Jahresstarts gelangen vier Siege und ebenso viele Plätze. Nach einem ehrenvollen zweiten Rang in Solvalla in 1:12,6 / 2140 Meter, eine Woche vor dem Elitlopp-Wochenende, traf Lionel am 14. Juni 2014 im HKH Kronprins Haakons Pokjallöp erstmals auf seinen Landsmann und damaligen Jahrgangskrösus Papagayo E. Er bezwang diesen überlegen mit vier Längen in 1:15,4 / 2500 Meter. Nun war klar, aus welchem Holz Lionel geschnitzt ist.

Das Norwegische Traber-Derby im September 2014 endete jedoch mit einer leisen Enttäuschung für Lionels Anhang und Besitzertrainer Göran Antonsen und Kjell Arne Ness. Mit Viking Va Bene gewann ein Außenseiter, und Favorit Papagayo E. endete trotz einer Startgaloppade als Vierter noch vor Lionel. Es war das bislang letzte Rennen von Lionel in seiner Heimat Norwegen. Der Fuchs-Hengst wechselte anschließend nach Frankreich in das Quartier von Erfolgstrainer Fabrice Souloy.

Das französische Märchen
Mit einer Lebensgewinnsumme von weniger als 60.000 Euro schickte man Lionel am 24. Januar 2015 in das Abenteuer Frankreich. Nur 12 Monate später thront der Hengst nun in einer Reihe mit den besten Trabern des Kontinents. Eine Cinderella-Story, wie sie nicht schöner in einem Hollywood-Drehbuch stehen könnte. Wir sprechen zu Recht von Bold Eagle als den momentanen „shooting star“ in der Welt des Trabrennsports, aber wir sollten nicht vergessen, dass Bold Eagle vor 13 Monaten bereits 400.000 Euro Gewinne auf seinem Konto hatte und Lionel zu diesem Zeitpunkt ein „armer Schlucker“ mit 60.000 Euro Gewinne war. Der Aufstieg Lionels aus dem Nichts ist deshalb sensationell.

Die ersten beiden Starts von Lionel in Vincennes endeten nicht mit Siegen. In seinem zweiten Rennen trat er z.B. in einer Klasse an, wo eine Mindestgewinnsumme von 50.000 Euro verlangt wurde, die Lionel so eben erfüllte. Am 8. Februar 2015 war es soweit. Im Prix de Juvigny gewann Lionel (Nr. 3) in der Hand von Franck Nivard sein erstes Rennen in Frankreich.

Video Prix de Juvigny, Vincennes, 8. Februar 2015

http://www.letrot.com/fr/replay-courses/2015-02-08/7500/2

Von nun ab gab es kaum noch ein Verlieren. Bis Dezember waren es acht Siege, die Lionel auf den Bahnen im Großraum Paris errang. Ein weiterer Erfolg am 12. Juni in Vincennes wurde ihm am grünen Tisch genommen. Hier waren auch unsere deutschen Vertreter King of the World und Georgina Corner dabei. Wir erwähnen dies, um noch einmal den gewaltigen Leistungssprung von Lionel in den vergangenen Monaten hervorzuheben. Man stelle sich vor, King of the World hätte vergangenen Sonntag Bold Eagle düpiert anstatt eine Probe seines Könnens in 1:19,6 in Gelsenkirchen abzuliefern.

Sein wertvollstes Rennen auf seinem Siegeszug durch das Rennjahr 2015 sicherte sich Lionel am 5. September mit dem Prix d’Ete. Hier schlug er einen in Top-Form antretenden Ustinof du Vivier, Akim du Cap Vert und Roxane Griff über die Prix d’Amerique-Distanz von 2700 Meter in 1:12,1. Mit dieser Leistung hatte Lionel bewiesen, leistungsmäßig in der Weltspitze angekommen zu sein. Allerdings fehlte es weiterhin an der nötigen Gewinnsumme, um eine Teilnahme am Prix d’Amerique 2016 zu sichern.

Video Prix d’Ete, Vincennes, 5. September 2015

http://www.letrot.com/fr/replay-courses/2015-09-05/7500/4

Diese holte sich Lionel am 27. Dezember im Prix Tenor de Baune, wo selbst ein Robert Bi gegen Lionel auf verlorenem Posten stand. Lionels ständiger Fahrer, Franck Nivard, hatte nun die Qual der Wahl zwischen Lionel und Bold Eagle und entschied sich für den späteren Prix d’Amerique-Sieger. Den Platz hinter Lionel nahm von nun ab Schwedens Meisterfahrer Örjan Kihlström ein.

Es ist Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Lionel dem möglichen historischen Dreifach-Triumph von Bold Eagle mit Siegen im Prix d’Amerique, Prix de France und Grand Prix de Paris einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Wahrscheinlich ist Bold Eagle das Pferd mit der höheren Grundschnelligkeit, aber in puncto Ausdauer und Kämpferherz kann es Lionel sicherlich mit jedem anderen Konkurrenten aufnehmen.

Abstammung
Lionels Abstammung gibt Pedigree-Experten gewaltige Rätsel auf. Es erinnert uns an das Pedigree eines gewissen Niatross, ein Pacer, der zu seiner Zeit meilenweit über der Konkurrenz stand, dessen mütterliche Seite aber als schwach eingestuft wurde. Gänzlich verheerend möchten wir Lionels Pedigree allerdings nicht beurteilen.

Die Mutterlinie des schönen Fuchs-Hengstes besitzt zwar ihren Ursprung in Nordamerika, ist dort aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr auffällig geworden. Eher noch in Skandinavien, aber auch dort nur sehr vereinzelt und mit riesigen Lücken seit Generationen. Nach intensiver Recherche ist es Traber-News.com gelungen, sogar eine Verbindung Lionels mit der deutschen Traberzucht aufzuspüren.

Verbindung nach Deutschland
1924 wurde aus den Vereinigten Staaten von Amerika die Stute Lady B. Watts nach Deutschland eingeführt, die für Carl Otten in Wolfersom bei Rees vier Fohlen brachte. Ihr 1925 geborener Sohn Leo Watts v. Belwin war ihr Bester und hinterließ in der deutschen Traberzucht zwischen 1931 und 1949 119 Nachkommen, darunter die Deckhengste Indian (1931), Hexenjunge (1932), Caprivi (1933) und Casper (1944). Lady B. Watts besaß vor ihrer Einfuhr bereits zwei Produkte in den USA. Über ihre in Nordamerka geborene Tochter Betsy Belwin ist Lady B. Watts die 8. Mutter von Lionel.

In Skandinavien besaß Lionels Familie in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts einiges Ansehen. Besonders hervorzuheben ist die 1947 geborene Madame Song v. Peter Song, Siegerin im schwedischen Traber-Derby 1951. Als Mutter der Top-Pferde Golden Song (1953), Puck Song (1954), Miss Song (1957), Earl Song (1958), King Song (1961) und Josephine Song (1965) erhielt sie das Prädikat „Elite-Stute“. Madame Songs Mutter French Lick Gal (1934 v. Mr McElwyn) ist eine Vollschwester zu Lady Belwin, Lionels 6. Mutter.

Ansonsten finden wir in der gesamten Mutterlinie von Norwegens aktuellem Star-Traber kein Pferd, der es in den vergangenen 50 Jahren auf 100.000 Euro Renngewinne gebracht hat. Das ist wahrlich dünn. Augenscheinlich hat die Verbindung von Lionels Mutter Aurora Sign mit dem Coktail Jet-Sohn Look de Star etwas ausgelöst, was rational nicht zu erklären ist.

Look de Star ist nach Love You der aktuell erfolgreichste Sohn von Coktail Jet in der Zucht. Der Hengst war ausgesprochen frühreif und in jungen Jahren Love You mindestens ebenbürtig. Später hat das Pendel eindeutig zu Gunsten Love Yous umgeschlagen. In der französischen Traberzucht ist Look de Star Vater von Ustinof du Vivier, Uniclove und Roc Meslois, in Schweden und Italien heißen seine Aushängeschilder Västerbo Highflyer bzw. Sceicco und Sugar Rey. Look de Stars populärster Nachkomme in Deutschland ist der 38-fache Sieger Lotus Star.