Die berührende Geschichte von Waco Hanover
vom 25.12.2014

Auszug aus dem Buch „Standardbred Old Friends“

(jg) - Everett Kettler erkannte schnell das Problem seines neu erworbenen Pferdes. „Es hatte ein deutliches Verhaltensproblem. Mürrisch war er, sehr mürrisch.“

Waco Hanover, der am 1. Januar 38 Jahre alt wird, war sechs als ihn Kettler 1983 für 1.000 Dollar erwarb. Der Wallach hatte vier Rennsaisons hinter sich, die meiste Zeit für Nelson Haley in 2.000 Dollar Verkaufsrennen auf Saratoga Raceway. Von 57 Rennen hatte er nur vier siegreich beenden können.

Kettler besaß, was Waco Hanover benötigte, eine Farm in Woodbury, Vermont. „Ich ließ ihn einfach Pferd sein. Er fraß Grass und lief mit den Stuten umher,“ berichtet Kettler.

Waco war mehr Lehrer als gewöhnliches Haustier für Kettler, der mehr über sanfte Töne Bescheid wusste als über Schnelligkeit von Rennpferden. Kettler war Lutheraner und Hersteller musikalischer Saiteninstrumente.

„Durch Waco erlernte ich den Umgang mit der Fahrleine,“ sagt Kettler. „Ich wusste gar nichts. Er ignorierte mich einfach, wenn ich die falschen Dinge tat. Wir fuhren auf einem kleinen Weg, der für nichts anderes als zum Fahren geeignet war, und alle zwei Wochen musste ich mich mit Hufbeschlag beschäftigen.“

Jedes Frühjahr, von 1983 bis 1991, bereitete Kettler Waco Hanover auf die Rennen vor. Man startete an Orten wie Tunbridge World’s Fair in Vermont, wo es Ahorn Eiskrem, Ochsenhändler und die engste Pferderennbahn der Welt gibt. Vier Pferde passen dort in eine Reihe, es sollten aber schmale Pferde sein. „Es ist furchterregend,“ sagt Kettler. Wenn man im ersten Bogen nicht mindestens in der dritten Spur ist, landet man im Fluss.“ Waco Hanover gewann sein erstes Rennen für Kettler in Tunbridge in 1:24,2. Eine beeindruckende Zeit in Anbetracht der Bahnverhältnisse.

In den späten 80er Jahren vermengte Kettler Hobby und Geschäft. Er gründete Rough Terrain Carts und begann, Pferdewagen für die Straße und das Gelände zu bauen. Waco testete die Prototypen.

Sie besaßen große, hölzerne Räder,“ sagt Kettler. „Waco schaute über seine Schulter und schien sich zunächst zu fürchten. Ich legte das Gestell vorsichtig über seinen Rumpf und berührte ihn mit den Seitenstangen. Es war als ob er sagen wollte, ‚Oh, ich soll den Wagen ziehen’. Es war, als ob eine Glühbirne eingeschaltet würde.“

„Ich beteiligte mich an Ausdauerveranstaltungen,“ erzählt Kettler. „Im Frühjahr spannte ich ihn an, um ihn in Form zu bringen. Danach ging es zum Rennen.“

„Waco räumte einige von diesen Events ab,“ sagt Kettler. „Ich erinnere mich noch an sein erstes Rennen. Nun, es war kein Rennen, mehr eine Schauveranstaltung. Ich wollte eigentlich keine zwei Personen auf dem Wagen haben, aber da es nur über fünf Meilen ging, war ich der Meinung, das sollte eine Kleinigkeit sein, absolut lächerlich. So nahm meine Frau mit Platz. Wir sind wohl an 15 Gespanne vorbeigefahren, die sich alle gefragt haben, was für ein Monster ist denn das?“

Die Jahre vergingen. Waco erholte sich im Winter, und im Frühjahr erarbeitete er sich auf den Landstraßen die nötige Kondition. Kettler und Waco starteten für ein paar hundert Dollar zwischen New York und Maine.

Viele Jahre gewann man zusammen hier und da ein Rennen. Das war schön, aber nicht notwendig, oder nach Wacos Meinung absolut unnötig. „Ich glaube, er ist in einem Alter und in einem Zustand, wo er genau weiß, er würde immer sein Futter bekommen, egal was geschieht,“ ist Kettler überzeugt.

1991 wurde Waco 14 Jahre alt. Es war seine elfte Rennsaison. In nur drei Wochen hatte er 1.350 Dollar verdient. „Mein Ziel war, das Rennen für 14jährige Pferde in Tunbridge zu gewinnen,“ sagt Kettler. Der Rennpreis betrug 210 Dollar. Termin war der 13. September. Und Kettler fügt an, „Es war etwas Besonderes, jedenfalls für mich.“

Wie sich herausstellte, waren nur zwei Pferde für das Rennen gemeldet. Das andere Pferd war der 14jährige Luke Hanover, im Besitz und trainiert von Dale Allen. Sowohl Luke als auch Waco waren auf Hanover Shoe Farm aufgewachsen. Luke Hanover hatte seit zwei Jahren kein Rennen mehr bestritten.

„Mein Konkurrent war ähnlich wie ich. Er hält Tiere zum Vergnügen. Er sagte mir, 'mein Pferd ist nicht trainiert, lass mich nicht zu alt aussehen'. Ich wollte die Führung und ohne zurückzuschauen ins Ziel fahren,“ berichtet Kettler.

„Genauso kam es. Ich folgte ihm einen kurzen Moment und fuhr dann in Front. Nach ungefähr dreiviertel des Weges gab ich Waco den Kopf frei. Ich habe gelernt, niemals zurückzuschauen. Wir gewannen mit dem Einlauf und Waco genoss den Jubel,“ erinnert sich Kettler.

Der Jubel verebbte, aber Waco blieb beschäftigt. 1991 gingen Kettler und Leslie Bancroft Haynes eine persönliche wie geschäftliche Verbindung ein. Sie erwarben eine Farm, die den Namen Rough Terrain Farm erhielt, benannt nach Kettlers Geländekarren und der Topographie Vermonts. Sie beherbergte Haynes Freizeit- und Kettlers Rennpferde.

„Die Farm besaß eine Rennbahn,“ sagt Kettler, „obwohl sie nur zum Teil eben war. Als ich einen jungen Traber einbrach, benutzte ich Waco, um dem jungen Pferd Sicherheit zu geben.“

Haynes trainierte derweil ihre Kutschpferde auf der Farm. „Auch ich benutzte Waco,“ sagt sie. „Wenn man ihm das Geschirr anlegte, schien er zu sagen, 'Ja, ich bin bereit!' Wenn er das Geschirr spürte und den Wagen hinter sich wusste, war er der glücklichste Kumpel der Welt.“

Haynes’ und Kettlers Beziehung endete, als Waco Hanover 28 Jahre war, aber ihre Verpflichtung gegenüber das Pferd hielt an. Kettler zog nach Vermont’s Champlain Islands und baut jetzt Boote. Haynes und Waco blieben auf der Farm. Kettlers Teil der Farm wurde an die Technische Hochschule von Vermont für Pferdestudien verpachtet.

„Waco ist im Anspannstall untergebracht, wo Kinder ihre Pferde ein- und ausspannen,“ sagt Haynes. „Der Stall trägt den Namen Waco’s Stall, denn jeder weiß, wenn Waco stirbt, wird Everett seinen Teil der Farm verkaufen. Aber solange Waco lebt, hat er versprochen, kann das Pferd hier seine letzten Tage verbringen.

Donnie MacAdams, ein Mann mit einem buschigen, weißen Bart und ausgeprägter Persönlichkeit, wohnt über dem Stall und kümmert sich um Waco. „Ich bin ein alter Molkereifarmer. Ich komme mit Waco gut zurecht, denn wir beide sind alte, verschrobene, elende Bastards, die sich verstehen. Wenn ich aus meinem Wagen steige und in den Stall gehe, kommt er sofort auf mich zu. Wenn ich nicht direkt zu ihm gehe und mit ihm spreche, beginnt er, an der Stalltür zu schlagen.“

Auch für MacAdams, der eine Informations-Webseite für Touristen betreut, bedeutet die Beziehung mit Waco viel. „Es gibt wilde Kinder, widerwärtige Teenager oder Leute, die glauben man wartet auf sie,“ sagt MacAdams. „Er tröstet und beruhigt mich dann. Waco liebt es, seinen Kopf an meiner Schulter zu reiben. Zwei Jacken hat er schon verschlissen.“

Waco Hanover, so scheint es, hat den Menschen bislang genau so viel gegeben wie die Menschen ihm gegeben haben. Natürlich kein Geld. Die 2.600 Dollar, die er für Kettler in sieben Jahren verdient hat, würden nicht für einen Winter in Vermont reichen.

Waco hat sich immer bereitwillig gezeigt, auch mit Kettlers unerfahrenen Trainingsfertigkeiten. „Wenn er einen Anstieg im Visier hatte, zeigte er sich umso entschiedener, je steiler der Anstieg war,“ sagt Kettler.

„Es gibt in seinem Wesen Dinge, die meinem Leben so etwas wie Verbundenheit gegeben haben. Vielleicht schätzte ich Waco wegen diesem gemeinsamen Charakterzug. Vielleicht hat er diesen Wesenszug in mir erweckt, der ansonsten nicht aufgetreten wäre, hätte sich sein Leben nicht mit meinem überkreuzt. Man entwickelt eine Beziehung zu einem Pferd, wie mit einer Heirat. Sie ist nicht perfekt, aber man weiß davon und tut sich trotzdem zusammen.“