Classic Grand Cru
vom 29.10.2015

(jg) – Wenn der deutsche Trabrennsport so etwas wie einen Oscar für die Karriere eines Trabers zu vergeben hätte, dann käme aus Sicht von Traber-News.com Jürgen Hankes 12jähriger Hengst Classic Grand Cru aktuell am ehesten dafür in Frage.

Viele deutsche Rennsportfans vermochten die Karriere dieses besonderen Pferdes bislang nur in Teilen zur Kenntnis zu nehmen. Das hat seinen Grund. Obwohl Classic Grand Cru ein in Deutschland geborener und registrierter Traber ist, hat der Hengst bislang nur sechs seiner vorläufigen 147 Karrierestarts in Deutschland absolviert. Dennoch ist Classic Grand Cru seit mehr als acht Jahren ein strahlendes Aushängeschild der deutschen Traberzucht auf allerhöchstem internationalen Niveau.

Begonnen hat das Projekt Classic Grand Cru im Herbst 2000. Jürgen Hanke weilte damals in Harrisburg (USA) und ersteigerte die 1995 geborene Valley Victory-Tochter Starlet’s Victory, tragend nach Armbro Goal. Kostenpunkt: 87.000 Dollar plus Nebenkosten. „Starlet’s Victory war das teuerste Pferd das ich jemals gekauft habe,“ erinnert sich Jürgen Hanke. „Am selben Tag in Harrisburg wurde übrigens ihre Mutter My Starlet für 220.000 Dollar verkauft.“

Starlet’s Victory war der Grundstein einer erfolgreichen Traberzucht in Bornhöved im Kreis Segeberg (Schleswig-Holstein), wo der Immobilienmakler und Hobbyzüchter Jürgen Hanke ein schmuckes kleines Trabergestüt sein eigen nennt. 15 Stuten wurden in dieser Saison gedeckt. Vier davon sind beim HVT registriert, die Mehrzahl der Stuten stehen jedoch aktuell im schwedischen Gestütsbuch. Starlet’s Victory zählt nicht mehr dazu. Die Stute wurde 2006 an Jörg Brandt verkauft und nach Italien ausgeführt.

2002 beriet Jürgen Hanke gemeinsam mit Steen Juul, den dänischen Meistertrainer, über die anstehende Zuchtpaarung von Starlet’s Victory. Man einigte sich auf Supergill als kommenden Partner. Das 2003 geborene Fohlen erhielt den Namen Classic Grand Cru, ein Terminus für beste Qualität.

Der schmucke Hengst hat seinem Namen mittlerweile alle Ehren erwiesen. In elf Rennsaisons bestritt Classic Grand Cru zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen 147 Starts auf höchstem internationalen Niveau. Nie ist der Hengst in Galopp verfallen. Die dabei zurückgelegte Rennstrecke des Pferdes betrug 292,413 Kilometer, und die durchschnittliche Kilometerzeit seiner Rennkarriere 1:13,6 Minuten. In über 90 Prozent seiner Rennen kehrte Classic Grand Cru mit einer Prämie in den Stall zurück und verdiente pro Start 6.108 Euro. Eine wahrlich beeindruckende Bilanz.

Die Rennlaufbahn (einschl. 18.10. 2015)

  Starts Siege Plätze Gewinne Rekord
2j. 4 - 4 3.072 Euro 1:17,8
3j. 12 4 8 53.841 Euro 1:13,5
4j. 12 3 8 43.919 Euro 1:11,7
5j. 15 4 10 80.832 Euro 1:11,2
6j. 22 7 13 72.516 Euro 1:11,5
7j. 17 8 8 141.899 Euro 1:11,3
8j. 16 4 12 161.052 Euro 1:11,0
9j. 17 3 13 213.387 Euro 1:09,6
10j. 14 5 5 91.763 Euro 1:10,5
11j. 5 1 2 2.849 Euro 1:13,8
12j. 13 2 9 32.740 Euro 1:10,7
  147 41 92 897.870 Euro 1:09,6

Dabei waren seine Gegner nie „von Pappe“. Classic Grand Cru ist gegen Pferde der Weltspitze gestartet. Commander Crowe, Rapide Lebel, Brioni, Prodigious, Oiseau du Feux, Ghibellino, Lavec Kronos, Joke Face, Torvald Palema, Triton Sund, Russel November, Beanie M.M., Lisa America, Nu Pagadi, Oyonnax, Arch Madness, Maharajah, Save The Quick, Main Wise As, Sebastian K., Wishing Stone, Support Justice, Robert Bi, Oasis Bi, Maven, Voltigeur de Myrt und viele andere sind seine Konkurrenten gewesen. Die Meisten hat Classic Grand Cru bei der einen oder anderen Gelegenheit hinter sich gelassen.

Bemerkenswert ist, dass 13 verschiedene Fahrer im Laufe der Jahre hinter Classic Grand Cru im Sulky Platz genommen haben. In erster Linie natürlich sein Trainer Steen Juul, der Classic Grand Cru über 10 Jahre meisterlich vorbereitet und in Form gehalten hat. Ein Riesenkompliment dazu. Zu den weiteren Fahrern des Hengstes zählte aber auch sein langjähriger Pfleger Jens de Rosche. Die catch-driver von Classic Grand Cru im einzelnen:

Erik Adielsson, Christian Clausen, Björn Goop, Eirik Hoitomt, Dominik Locqueneux, Ulf Nordin, Ulf Ohlsson, Eric Raffin, Jens de Rosche, Peter Strooper, Johnny Takter und Thomas Uhrberg.

Gewinne in     Schnitt pro Start
Norwegen 361.340 Euro 19 Starts 19.018 Euro
Dänemark 251.928 Euro 63 Starts 3.999 Euro
Schweden 217.041 Euro 49 Starts 4.429 Euro
Deutschland 42.331 Euro 6 Starts 7.055 Euro
Frankreich 20.750 Euro 6 Starts 3.458 Euro
Italien 4.480 Euro 4 Starts 1.120 Euro

Am wohlsten fühlt sich Classic Grand Cru in Norwegen. Insbesondere das Klosterskogen Race ist „sein“ Rennen. Zwischen 2009 und 2015 hat Classic Grand Cru sechsmal teilgenommen. Dreimal gewann der Hengst dieses Gruppe-Rennen (2010 mit Steen Juul, 2011 und 2013 mit Björn Goop), dreimal war er Zweiter (2009, 2012, 2015). Weitere Siege in Norwegen gelangen 2008 im Rex Rodneys Ärepris und in einem Vorlauf zum Bjerke Cup 2012.

2011 und 2013 nahm Classic Grand Cru am Oslo Grand-Prix teil, das jährliche Traber-Highlight des norwegischen Trabrennsports. Hinter Arch Madness und Lisa America sprang 2011 ein viel beachteter dritter Platz heraus. Insgesamt gewann Classic Grand Cru bei 19 Starts in Norwegen 361.340 Euro oder im Durchschnitt 19.018 Euro pro Start.

Ein weiteres europäisches Top-Rennen, das Classic Grand Cru sechsmal bestritten hat, ist der Copenhagen Cup. 2012 hätte es fast zu einem Sieg gereicht, aber der Amerikaner Wishing Stone ließ den Traum vom „Heimsieg“ platzen. 2010 war Classic Grand Cru Dritter und 2011 Fünfter im Copenhagen Cup.

Seinen Rennrekord von 1:09,6, damals deutscher Rekord, erzielte Classic Grand Cru 2012 im Elitloppet, dem wichtigsten Sprinterrennen des internationalen Trabrennsports. Commander Crowe gewann diesen Vorlauf in 1:09,5. Arch Madness, Prix d’Amerique-Sieger Oyonnax und Classic Grand Cru in der Hand von Björn Goop folgten dem Fuchs in das Finale. Dort zeigte Classic Grand Cru die vielleicht beste Leistung seiner Rennkarriere mit einem Dritten Platz hinter Commander Crowe und Arch Madness. Im geschlagenen Feld befanden sich Yarrah Boko, Rapide Lebel, Sebastian K., Brioni und Oyonnax.

Wir erwähnten eingangs, dass Classic Grand Cru nur sechs Rennen in Deutschland bestritten hat. Im Deutschen Traber-Derby belegte der Hengst nach einem Vorlaufsieg im Finale einen dritten Rang hinter Russel November und Sir Karan. 2010 und 2011 siegte Classic Grand Cru in der Derby-Rekordmeile auf der Trabrennbahn von Berlin-Mariendorf (zweimal gegen Sir Karan).

2007 / 2008 überwinterte Classic Grand Cru in Frankreich und versuchte sich sechsmal in Vincennes und Cagnes-sur-mer. Es sprang zwar kein voller Erfolg heraus, doch immer kehrte der Hengst mit einer Prämie in den Stall zurück. Im Prix Jean le Gonidec, ein internationales Gruppe-Rennen für fünfjährige Pferde, war Classic Grand Cru hinter Ghiaccio del Nord, Giuseppe Bi, Premiere Steed und Private Love Fünfter.

Schießlich versuchte sich Grand Classic Cru auch in Italien. 2009 und 2010 war Classic Grand Cru zu Gast im Gran Premio Lotteria in Neapel und beide Male gelang dem Hengst die Qualifikation für das Finale. 2009 wurde Züchter und Besitzer Jürgen Hanke in Neapel sogar mit einem Kaufangebot für seinen Hengst überrascht. 200.000 Euro bot ein italienischer Rennstall für den Supergill-Sohn, aber Jürgen Hanke blieb standhaft und schlug das Angebot aus. Der Autor weiß zu berichten, dass die Italiener damals kopfschüttelnd von dannen zogen. Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung.

Keine noch so großartige Karriere erlebt nicht auch ihre Tiefen oder zumindest kleine Rückschläge. Ein solcher Moment war die Erkrankung des Hengstes zu Beginn vergangenen Jahres. Eine schwere Kolik schien nicht nur das Ende der Rennlaufbahn zu bedeuten, das Leben des Hengstes hing am berühmten „seidenen Faden“. Aber Classic Grand Cru überstand auch diese lebensbedrohende Phase und meldete ich am 30. Dezember 2014 mit einem zweiten Platz aus der Pause zurück. Vier Monate später, im April 2015, konnte man es wieder mit Europas Spitzenklasse aufnehmen. Oasis Bi, Support Justice, Robert Bi, Voltigeur de Myrt, Maven, B.B.S.Sugarlight, Mosaique Face und Magic Tonight hießen die Gegner.

Als wäre unsere Auflistung der außergewöhnlichen Momente in der Rennkarriere von Classic Grand Cru nicht genug, ist auch noch über die parallel verlaufende Zuchtkarriere des Hengstes zu berichten. Seit Frühjahr 2009 wird Classic Grand Cru regelmäßig zur Zucht herangezogen. Die meisten Nachkommen des Hengstes findet man in Dänemark, allen voran Up to Date Hanke 1:15,9 a.d. Abano As-Tochter Niagara Sas und Up To The Minute 1:14,8 a.d. Veuve Clicquot v. Sebrazac. Zum 2015er Jahrgang zählt auch ein kleiner Hengst mit einer außergewöhnlichen Abstammung. Seine Mutter ist die Classic Grand Cru-Halbschwester Hanke Industry v. Daguet Rapide a.d. Starlet’s Victory.

Ein Blick auf das Pedigree von Classic Grand Cru offenbart allerbeste amerikanische Blutströme. Wenngleich sein Vater Supergill altersbedingt ein wenig aus der Mode gekommen ist, so sind die Vererbungsqualitäten des Super Bowl-Sohns über alle Zweifel erhaben. Mehr als 2.000 Nachkommen hat Supergill in Amerika und Europa gezeugt, darunter Spitzenhengste wie Malabar Man, Toss Out, Striking Sahbra, Express It und Rite On Line.

Die Mutterlinie von Classic Grand Cru zählt seit vielen Jahren zu den Begehrtesten im amerikanischen Trabrennsport. Sechs Geschwister der Starlet’s Victory kosteten zwischen 2003 und 2009 auf den amerikanischen Jährlingsauktionen im Durchschnitt 136.667 Dollar! Die 2003 geborene Starcelona war mit 300.000 Dollar die Teuerste, die 2002 geborene Super Starlet mit 80.000 Dollar die Billigste. Das beweist das hohe Ansehen, welches die Nachkommen der Großmutter My Starlet in den USA genießen.

Mit einer Gesamtgewinnsumme von knapp unter 900.000 Euro steht Classic Grand Cru im Augenblick an neunter Position in der ewigen Rangliste der gewinnreichsten deutschen Traber. Die magische Zahl von einer Million wird wohl schwer zu erreichen sein, aber noch verbleiben dem ewig jungen Classic Grand Cru im besten Fall zwei Saisons. „So sieht auch unsere Planung aus“, verrät Jürgen Hanke. Wir wünschen ihm und dem Anhang des Hengstes alles Gute!