Das Glas ist halb voll!
vom 26.03.2017

(jg) – Mit zwei zurückliegenden Artikeln befasste sich Traber-News.com jüngst mit der Situation der Traberzucht in Deutschland. Weitere aufwändige Recherchen haben Erstaunliches zu Tage befördert.

Tatsache ist, dass die Fohlengeburten im deutschen Trabrennsport innerhalb von 20 Jahren um mehr als 80 Prozent zurückgegangen sind. In den letzten zehn Jahren betrug das Minus 68 Prozent. Wir haben uns daraufhin der Mühe unterzogen, sämtliche Fohlengeburten der vergangenen fünf Jahre zu recherchieren und die Gestütskarrieren der betreffenden Mütter nachzuverfolgen. Als Grundlage hierfür diente uns die Datenbank des HVT.

Und damit begannen die Schwierigkeiten. Die Datenbank ist nicht up-to-date. Dieser Umstand ist aber weniger dem Zuchtverband anzulasten, sondern in erster Linie den am Trabrennsport beteiligten Personen. Viele Besitzer und Züchter teilen ein Ausscheiden ihres Pferdes dem Zuchtverband nicht mit, obwohl sie dazu verpflichtet sind.

Jeder Fohlenschein enthält den Vermerk: „Diese Zuchtbescheinigung ist Eigentum des HVT. Beim Tod oder anderweitigem Ausscheiden des vorbezeichneten Trabers aus Zucht und Rennbetrieb ist diese Zuchtbescheinigung unaufgefordert an den HVT zurückzusenden.“ Offensichtlich halten sich nicht alle an dieses Gebot. Das Ergebnis sind hunderte von vermutlichen „Karteileichen“, die eine realistische Einschätzung des realen Pferdebestandes erschweren.

Ein Beispiel: Wir haben mehr als 200 Zuchtstuten ausfindig machen können, für die länger als sechs Jahre keine Fohlengeburt gemeldet worden ist. Die Stuten sind ausweislich der Datenbank weder ausgeschieden noch eingegangen. Mehr als ein Drittel davon sind älter als 20 Jahre.

Für die Jahrgänge 2012, 2013, 2014, 2015 und 2016 haben wir 846 Zuchtstuten ermittelt, die aktuell weder als ausgeschieden, ausgeführt oder eingegangen geführt werden. 624 davon sind 2000 oder später geboren. Es ist anzunehmen, dass die überwiegende Anzahl dieser Stuten zum Deckeinsatz bereit stehen würden.

Die deutschen Traberzüchter sind keine homogene Gruppe. Nur 172 Zuchtstuten aus der Gruppe der 846 haben sowohl 2015 als auch 2016 ein Fohlen zur Welt gebracht. Das sind schmale 20 Prozent. Nur 79 Stuten haben zwischen 2014 und 2016 drei Fohlen geboren. Das sind 9 Prozent.

Leider verraten die veröffentlichten Bedeckungen nur die Anzahl der tragenden Stuten. Kein Züchter oder Hengsthalter käme auf die Idee, dem Verband einen vergeblichen Deckversuch zu melden. Das kostet nämlich Geld. Für jede Stute auf einer Deckliste verlangt der Verband 25 Euro.

Der Chronist hat auf einer früheren Mitgliederversammlung den Vorschlag unterbreitet, für die Meldung einer Bedeckung keine Gebühren zu erheben. Dies wurde von der Mehrheit der anwesenden Züchter (!) abgelehnt. Es war wie immer. Zu einem dem Präsidium nicht genehmen Antrag gibt der Präsident seine ablehnende Haltung bekannt und die Messe ist gelesen.

Dabei könnte eine schonungslose Offenlegung aller Bedeckungen, auch der Erfolglosen, dem Zuchtverband nützlich sein. Es würde die tatsächliche Anzahl der zur Zucht herangezogenen Stuten aufzeigen.

Unsere Recherchen lassen den Schluss zu, dass ca. 600 Stuten alljährlich einer Bedeckung unterzogen werden. Zuletzt hatten wir 433 Traberfohlen in Deutschland. Das entspricht einem Verhältnis Bedeckungen / Geburten von ca. 72 Prozent. Das erscheint realistisch.

Wir haben aber auch festgestellt, dass nur jede fünfte Stute zwei Jahre in Folge ein Fohlen gebärt. Bedenken wir, dass ca. 60 Stuten jährlich ihr Zuchtdebüt geben und viele Stuten bestenfalls jedes zweite Jahr bedeckt werden, so ist es keinesfalls abwegig zu behaupten, dass sich ca. 900 für die Traberzucht bereit stehende Stuten auf den Weiden befinden. Daher unsere Aussage: „Das Glas ist halb voll!“

Von Interesse ist auch die Herkunft der beim HVT registrierten 846 Zuchtstuten, die in den vergangenen fünf Jahren mit einem Fohlen gelistet sind und aktuell weder als eingegangen, ausgeschieden oder für dauernd ausgeführt gelten. 263 von ihnen besitzen einen ausländischen Herkunftsnachweis (31 %). Im einzelnen:

Herkunftsland Anzahl Prozent
Deutschland 583 69
Italien 75 9
Holland 72 9
Nordamerika 62 7
Schweden 26 3
Frankreich 9 1
Dänemark 8 1
Österreich 7 1
Belgien 1 -
Norwegen 1 -
Polen 1 -
Spanien 1 -
Gesamt 846 100

So dann haben wir die Nationalität der Mütter der fünf Erstplatzierten der sogenannten gehobenen Rennen der Jahrgänge 2012, 2013 und 2014 ermittelt. Es sind 95 an der Zahl für Breeders Crown, Großer Preis von Deutschland, Derby, Derbyrevanche, Adbell Toddington, Buddenbrock, St.Leger, Bayern-Pokal, Jugend-Preis und Winterfavoriten inklusive der Stutenabteilungen. Hier das Ergebnis:

Herkunftsland Anzahl Prozent
Deutschland 49 52
Nordamerika 18 19
Italien 14 15
Holland 7 7
Schweden 4 4
Österreich 2 2
Dänemark 1 1
Gesamt 95 100

Der Anteil der deutsch registrierten Zuchtstuten am Gesamtbestand beträgt ca. 69 Prozent. Ihr Anteil an den Erstplatzierten der gehobenen Rennen liegt bei 52 Prozent. Das war zu erwarten. Interessant ist, dass der Anteil der amerikanischen und italienischen Zuchtstuten als Mütter unserer Spitzen-Traber relativ hoch ist. Der Anteil der amerikanischen Zuchtstuten am Zuchtbestand beträgt ca. 7 Prozent, ihr Anteil als Mütter von Top-Pferden beläuft sich auf 19 Prozent. Ähnliches gilt für die in Deutschland eingeführten italienischen Zuchtstuten. Ihr Anteil am Gesamtbestand beträgt ca. 9 Prozent, ihr Anteil an den Top-Pferden liegt bei 15 Prozent.