Irrfahrt einer Traberkönigin
vom 24.12.2015

Mit Bammeline schwarz über die Zonengrenze

(jg) – Über die Weihnachtszeit möchten wir den Lesern von Traber-News.com eine spannende Story präsentieren, die sich tatsächlich so zugetragen haben soll.

Es ist ein Tatsachenbericht, erzählt von Heinz-Lothar Schütt, den Chefredakteur der Berliner Ausgabe der ehemaligen Deutschen Traber-Zeitung, und veröffentlicht im STARTER vor mehr als 50 Jahren. Lothar Schütt beschreibt die aufregende Reise der Stute Bammeline incognito von München nach Berlin im Jahre 1949, als Deutschland in vier Zonen aufgeteilt war. Die Geschichte ist von überragender Bedeutung, als Bammeline ein Stück deutsche Trabergeschichte darstellt. Die Stute ist die vierte Mutter von Diamond Way (Ur-Ur-Großmutter).

Interessant in dem Artikel ist die Bemerkung von Lother Schütt: „Zehntausende richten ihre Blicke voller Bewunderung auf Bammeline und Coronia.“ Das erinnert ein wenig an Vincennes oder Solvalla.

Irrfahrt einer Traberkönigin

Internationale Traberwoche in München! Hoch steht die Sonne am fast azurblauen Himmel über Bayerns Hauptstadt. Lange Wagenkolonnen sind unterwegs nach Daglfing, ganz München scheint auf den Beinen, um dabei zu sein, wenn die mit Spannung erwartete erste internationale Auseinandersetzung zwischen besten Vertretern des Auslandes und der deutschen Extraklasse ihren Anfang nimmt. Der Daglfinger Veranstalter hat es fertig gebracht, alles was in Europa Rang und Namen besitzt, nach München zu bekommen. Italien hat den europäischen Rekordträger Mighty Ned entsandt, Frankreich ist durch Sammy mit Altmeister Charlie Mills vertreten, der sich innerhalb kürzester Zeit über die R.C. Simonard, Ceran-Meillard, Choisselet und Co. hinweg an die Spitze der französischen Rangliste gesetzt hat. Im Innenraum der traditionsreichen Daglfinger Anlage wehen die grün-weiß-roten Farben der Azzurris, Frankreichs Trikolore, die weiße Flagge mit dem Berliner Bären, die Fahnen der Hansestadt Hamburg, Bayerns, Münchens und des Daglfinger Gastgebers, dem ganz Deutschland für seine bahnbrechende Tat, die Isolierung Deutschlands vom internationalen Geschehen durchbrochen zu haben, zu größtem Dank verpflichtet ist.

Heute, am ersten Tag der Großen Internationalen Traberwoche, greifen die Ausländer noch nicht ein. Im Münchener Pokal treffen lediglich die besten Flieger Deutschlands aufeinander. Favoritenehren tragen die Hamburger Rekordstute Coronia und Berlins bestes Pferd, Bammeline. Die große Masse der hinter den Rails und auf den Tribünen Kopf an Kopf stehenden Freunde des Trabersports glaubt an Coronia mit ihrem Meisterfahrer Hans Frömming, der aus München schon so manchen großen Preis entführt hat. Sein Start ruft Erinnerungen wach an den vorletzten großen Sieg des unvergessenen Iltis, der auf einem Münchener Güterbahnhof das Opfer eines Bombenangriffs wurde.

Wer ist Heinz Witt, der Fahrer von Bammeline? Man weiß wohl, dass er einst einer der führenden Amateure war, dem als einer der wenigen der Schritt ins Profilager glückte, doch das ist auch so ziemlich alles.

Mit jeder Minute steigt die Spannung. Das Feld tritt zur Parade an. Zehntausende richten ihre Blicke voller Bewunderung auf Bammeline und Coronia. Noch einmal jagen kurz vor dem Start die Pferde die Gegenseite herunter. Coronia scheint zu fliegen, ihre Eisen blitzen im hellen Licht der Sonne – jeder Zoll ein Klassepferd, das ist Hamburgs Rekordstute. Auch Bammeline zeigt beim Aufwärmen, dass sie über den für ein Stichfahren notwendigen schnellen Antritt verfügt. Doch kurz vor dem Bogen rollt sie, springt an und bricht weit zu den Rails hinweg. Ihren Anhängern legt sich Beklemmung aufs Herz. Die kleine Gemeinde der Berliner Schlachtenbummler beschleichen Zweifel. Was ist mit ihrer Bammeline, die sonst keinen Fehler kennt, jener, die bisher die Zuverlässigkeit in Person war? Unruhig rutscht Bammelines Besitzer in seiner Loge hin und her, nervös zerknautscht er seinen Hut. Immer spannungsgeladener wird die Atmosphäre über dem weiten Rund. Endlich ist es soweit! Die Pferde drehen am Start. Coronia ist ruhig, so, als ginge sie die Sache nichts an. Bammeline tänzelt. „An die Plätze – fertig machen – 1 – 2 – ab!“ Das erlösende Wort ist gesprochen, der Starter hat die rote Fahne gesenkt. Blitzschnell ist Coronia weg. Heinz Witt kennt seinen Gegner, er will mithalten. Aber Bammeline verliert im ersten Bogen Meter um Meter. Erst auf der Tribünenseite fasst sie wieder richtig an, holt auf. Im nächsten Bogen jedoch versucht die Vertreterin Berlins auszubrechen. Nur mit Mühe kann sie Heinz Witt im Rennen halten. Coronia hat einen erheblichen Vorsprung. Die Berliner warten auf den großen Schlussangriff von Bammeline. Er bleibt aus. Unter dem Beifall der Massen erreichen Coronia und Deutschlands vielfacher Champion Hans Frömming den Zielpfosten.

Heinz Witt bleibt Optimist. „Meine Stute wurde unter Wert geschlagen. Im zweiten Stechen wird es sich erweisen“, sagt er nur.

Wieder stehen die Pferde am Ablauf. Die große Spannung herrscht nicht mehr. Coronia hat das erste Stechen zu eindeutig gewonnen. Berlins Traberkönigin scheint entthront. Auch im Lager der Berliner hat man alle Hoffnungen auf einen einwandfreien Sieg von Bammeline begraben. Als die Bänder wegschnellen, zieht Coronia wie die Feuerwehr los, doch Bammeline hält Anschluss. Wie elektrisiert springen die Berliner von ihren Sitzen. Instinktiv fühlen sie, jetzt läuft die wirkliche Bammeline, jene Traberkönigin, die so manche unlösbar scheinende Aufgabe doch gelöst hat. Ein zündender Funke springt über von der Stute, hinter der Heinz Witt im blauen Dress mit den silbernen Lilien „Hände voll“ sitzt, auf das Daglfinger Publikum. Die Sensation kündigt sich an, knapp eine Minute später ist sie Tatsache. Im Einlauf ist Bammeline da. Wie ein Pfeil schießt sie auf das Ziel zu. Augenblicklich hat Hans Frömming die Gefahr erkannt. Er greift zur Peitsche. Bammeline lässt sich nicht abschütteln. Erbittert kämpfen Deutschlands beste Rennpferde um den Sieg im zweiten Stechen des Münchener Pokals. Noch ist das Ziel nicht erreicht, und schon ist Coronia klar geschlagen. Bruchteile von Sekunden herrscht fast eisiges Schweigen, dann aber rauscht ein Jubelsturm der Begeisterung auf. Bammeline hat sich rehabilitiert, sie hat den Münchenern ein unvergessliches Erlebnis beschert. Zur Parade treten beide Stuten an. Irgendwie glaubt jeder, dass die Berliner Traberkönigin am nächsten Sonntag im Preis der Besten die größten Aussichten hat, dem europäischen Rekordtraber Mighty Ned und Frankreichs Crack Sammy Paroli zu bieten, denn Hans Frömming wird in diesem Rennen nicht Coronia, sondern den größten Sohn des unvergessenen Muscletone, seinen Miramus, aufbieten.

Ganz München spricht von Bammeline und Heinz Witt. Leidenschaftlich werden jetzt Tag für Tag die Chancen der Starter für den Preis der Besten diskutiert. Traber-München hofft auf Bammeline. Noch ahnt kein Mensch, dass alle Hoffnungen umsonst sind.

Bammeline verschwindet
Aufregung im Berliner Lager. Gerüchte über eine Beschlagnahmung von Bammeline sind der Anlass. Was ist geschehen? Vermutungen tauchen auf und werden wieder verworfen. Am Freitag kommt Licht in das Dunkel. Der italienische Züchter Maiani will eine einstweilige Verfügung bzw. Beschlagnahmung erwirken, weil er der Meinung ist, die Stute sei ein Muscletone-Produkt, das kurz vor Kriegsende mit einem deutschen Militärtransport nach Berlin verlagert und von der Zuchtstätte Lieske widerrechtlich in Besitz genommen worden sei. Hat Maiani recht? Diese Frage ist nicht zu beantworten.

Am Sonnabend, knapp 24 Stunden vor Beginn der großen Entscheidung, diskutieren die Trainer Heinz Witt und Fritz Perk über die Aussichten des starken Berliner Aufgebots. Die Derbysiegerin Sichel, jene kleine Stute, die bereits vor dem größten Sieg ihrer Rennlaufbahn nach einem Fauxpas einem gesunden Fohlen das Leben schenkte, geht in der Arbeit hervorragend. Lortzing kann sich mit dem ungewohnten Geläuf nicht abfinden, dagegen fühlt sich dessen Stallgefährte Avanti auf der Münchener Bahn wohl. Heinz Witt und Fritz Perk sind sich einig, dass von den deutschen Pferden nur Bammeline in Frage kommt. Wenige Sekunden später ist jedoch ihr Traum von einem Sieg im international besetzten Preis der Besten ausgeträumt.

Ein Herr in kurzen Lederhosen, mit Gamsbart geschmücktem Hut auf dem Kopf, eine Aktenmappe unter den linken Arm geklemmt, in der rechten Hand triumphierend ein Schriftstück schwenkend, tritt auf die Berliner Trainer zu. „Wo steht Bammeline?“ fragt er streng und setzt dabei eine Amtsmiene auf, die nicht recht zu seiner farbenfrohen bayerischen Tracht passen will. Witt und Perk lächeln, als ihnen aber der Ankömmling ein Schriftstück unter die Nase hält, vergeht ihnen das Lachen. Fritz Perk fasst sich zuerst. „Dort drüben auf der anderen Seite steht Bammeline“, antwortet er und zeigt mit der Hand zur Tribünenseite, wo gar keine Stallungen sind. Als der Beamte den Rücken wendet, ist Trainer Perk auch schon bei Bammeline. Blitzschnell legt er ihr einen Halfter über und im Laufschritt geht es zum Transportwagen. In aller Eile wird der Fahrer informiert. Bammeline verlässt im großen Diesel Daglfing mit unbekanntem Ziel. Fritz Perk hat dem Gerichtsvollzieher ein Schnippchen geschlagen, doch der Preis der Besten wird ohne das aussichtsreichste deutsche Pferd gelaufen werden.

Am gleichen Abend gibt der Münchener Trabrenn-Verein für die auswärtigen Gäste einen Empfang. Mit herzlichen Worten danken Kommerzienrat Krauß als Vereinsvorstand und Generalsekretär Leo Wojakowski den nach München gekommenen Gästen für ihren Beitrag zum Gelingen der internationalen Woche. Mit Mighty Neds Trainer gibt es einige sprachliche Schwierigkeiten, doch Sportsgeist und gute Laune schlagen bereits hier eine Brücke von Mensch zu Mensch, ja, von Land zu Land. Bei den Berlinern will keine rechte Stimmung aufkommen, auch die Herren vom Rennverein sprechen nur von Bammeline. Noch einmal nimmt Generalsekretär Wojakowski einen energischen Anlauf, um zu retten, was zu retten ist. Assistiert vom Münchener Landgerichtspräsidenten bespricht er alle Möglichkeiten, Bammeline zu holen. Jedoch selbst der Besitzer weiß nicht einmal genau zu sagen, wo sie jetzt ist, auch verspürt er trotz verlockender Angebote keine Lust, sein Juwel zurückzubeordern. Es steht also fest, dass der Preis der Besten ohne Bammeline gelaufen wird und dass damit eine der schärfsten deutschen Waffen ausfällt. Die große Masse des Publikums ahnt noch nichts von der großen Wende.

Eine Atmosphäre der Enttäuschung legt sich über Daglfing, als die Starter für den Preis der Besten angesagt werden. Für die deutschen Besucher sind nun Miramus und der bayerische Spitzentraber Olaf Bush Favorit. Irgendwie fühlt jedoch jeder, dass gegen die Klasse der Ausländer kein Kraut gewachsen ist. Mighty Ned besticht beim Aufwärmen durch sein mächtiges Geläuf, aber dieser in Amerika geborene Riese kommt mit den Daglfinger Bögen nicht zurecht. Wie zu Hause fühlt sich der erst am Vortage eingetroffene Sammy. Charlie Mills zieht mit dem Vertreter der Trikolore durch die engen Bögen, dass es nur so pfeift. Bewunderung und Besorgnis spiegeln die Augen der deutschen Fahrer, sie alle sehen, dass der Weg zum Sieg in erster Linie über Sammy führt. Unter dem Richterturm erklärt Champion Hans Frömming seinen italienischen Kollegen noch einmal das Daglfinger Startkommando, hier wird man sich auch einig, dass jeder mit Sammy mitgehen soll, wenn dieser großartige Traber angreift.

Sammy siegt – Avanti auf dem Ehrenplatz
Der Starter ruft die Besten. Zwischen den Bändern hat sich alles versammelt, die Berliner Pferde Sichel, Lortzing und Avanti, der von Heinz Witt gefahren wird, Miramus mit Hans Frömming, der westdeutsche Crack Mannesmut mit Christian Pütz, die vier Bayern Olaf Bush, Orlando Bush, St. Annahofer und Goldi, und in den letzten Bändern Sammy, 2660, und Mighty Ned, 2680. Die Startflagge fällt. Außer Mighty Ned, dessen Fahrer Antonellini etwas lange gezögert hat, ist sofort alles in hoher Fahrt. Wie ein Pfeil schießt Sammy nach vorn. Vergeblich versuchen Lortzing und Sichel Widerstand zu leisten, beider Bemühungen enden vorzeitig mit Fehlern. Im letzten Bogen fliegt Sammy auf der Außenseite an seinen Gegnern vorbei. Der Franzose springt mit der deutschen Extraklasse um, als wären es Handicaper. Auch von Mighty Ned ist nichts zu sehen. Miramus setzt sich verzweifelt zur Wehr, doch vor dem Einlauf muss er Sammy ziehen lassen. Heinz Witt hat mit Avanti die wilde Jagd nicht gemacht. An der Innenseite hat er sich aufs Warten verlegt. Als das Feld völlig geschlagen ist, setzt Avanti zum maßlosen Erstaunen der Fachwelt und der Zehntausende auf den Rängen zu einem herrlichen Speedangriff an. Bewegung kommt in die Massen. Sollte Heinz Witt das Unmöglichscheinende noch möglich machen? Diese Frage durchzuckt die Hirne der Zuschauer. In Sekunden ist jedoch alles entschieden. Sammy gewinnt überlegen. Mit gleicher Souveränität beherrscht Avanti das übrige Feld. Frenetischer Beifall empfängt Charlie Mills und Heinz Witt. Die erste große internationale Traberschlacht der Nachkriegszeit ist geschlagen, sie endete mit einem einwandfreien Erfolg der Trikolore, zeigte aber, dass unsere Spitzenklasse auf dem besten Wege ist, wieder Anschluss an das Niveau der unvergessenen Zeiten eines Probst, Xiphias, Iltis und Epilogs zu finden.

Bammelines abenteuerliche Reise
Am nächsten Tage werden die Berliner Pferde zur Rückreise verladen, nur Bammeline fehlt. Über die Autobahn, vorbei an wogenden Kornfeldern, sattgrünen Wiesen und rauschenden Wäldern, geht die Fahrt gen Norden durchs schöne bayerische Land. Hinter Hof wird der Zonenkontrollpunkt erreicht. Zöllner und Kriminalpolizei stoppen den Transport. Alle Kontrollpunkte und Kriminaldienststellen fahnden nach Bammeline. Für Sichel ist kein Fohlenschein vorhanden. Also tippt man munter darauflos, Sichel wird von den Beamten als Bammeline erklärt. Angesichts des Schlagbaums wird der Transport entladen. Unbarmherzig brennt die Sonne, die Pferde können nicht getränkt werden. Nach Stunden kommt der Befehl: „Pferdetransport zurück zur Kriminalpolizei nach Hof.“ Auf halbem Wege haben die Beamten ein Einsehen. Der Transportzug verbleibt auf der Autobahn, Bammelines Besitzer und Redakteur Schütt fahren mit zur Kriminalpolizeileitstelle Hof. Dort hat man bereits eingesehen, dass mit Sichel alles seine Ordnung hat. Aber wo ist Bammeline? Verhöre und nochmals Verhöre – ergebnislos! Der Fernschreiber tickt. Stunde um Stunde verrinnt. Endlich gibt München die Erlaubnis zur Weiterfahrt. Die Sichel, Avanti, Lortzing, Rhythmus, Florida und Nachtwandler werden wieder eingeladen. Der schwere Diesel springt an. Nur noch ein kurzer Aufenthalt und ungehindert wird die Zone passiert.

Hinter den Wäldern am westlichen Horizont versinkt glutrot der feurige Sonnenball. Bald ist es Nacht. Im Kegel der Scheinwerfer taucht dann und wann ein Hase oder Reh auf, die Pferde stehen ruhig in den Boxen, ihre Pfleger schlafen. Mit der Gleichmäßigkeit eines Uhrwerks rattert der Motor. Um Mitternacht tauchen die Lichter der Millionenstadt Berlin aus dem Dunkel der Nacht, in der Ferne grüßt der Funkturm als ein guter alter Bekannter.

Am nächsten Morgen erreicht Bammelines Besitzer ein Telegramm: „Suche nach Stute geht in allen Grenzgebieten weiter – Stute holen – nicht bayerische Zonengrenze passieren.“ Wer holt Bammeline? Das ist die Frage, die ihrem Besitzer auf der Seele brennt. Ihm und Heinz Witt ist es verboten. Redakteur Schütt erklärt sich bereit. Nach Erledigung der notwendigen Formalitäten tritt er die Reise an. Nun erst erfährt er, wo Bammeline steht. In einem abgelegenen Dorf in der Nähe der Wagner-Stadt Bayreuth findet er sie in einem dunklen Kuhstall. Der Gastwirt des Dorfes als ihr Betreuer begrüßt den Ankömmling: „Sagen Sie, das ist wohl ein teures Zirkuspferd? Sie hat so komische Manieren und will nie allein sein. Es hat immer jemand bei ihr geschlafen“, meint er treuherzig. Er darf seinen guten Glauben behalten. Nach einem kräftigen Imbiss und einem Liter echten „Bayerischen“ macht sich der Redakteur mit Bammeline auf den Weg. Nach den langen Tagen fast völliger Bewegungslosigkeit gebärdet sich Bammeline wie toll. Es ist ein schweres Stück Arbeit, mit ihr über die schmalen Pfade der bayerischen Berge zu laufen. Auf einem Acker entdeckt sie eine Kuh. Wie das siebente Weltwunder bestaunt sie die rot-weiß Gefleckte. Nur mit Mühe kann Bammeline zum Weitermarsch bewegt werden. Nach sechsstündigem Fußweg ist Bayreuth erreicht. Ein Gewitter zieht auf. Dicke Regentropfen treibt ein scharfer, böiger Wind vor sich her, Blitze zucken, Donner rollt. Man könnte meinen, das jüngste Gericht bricht an. Bammeline zittert wie Espenlaub, sie ist kaum zu bändigen. Ihr Beschützer hängt sich förmlich an den Halfter, Arme und Hände schmerzen ihn. Völlig durchnässt, den Gewalten der Natur schutzlos preisgegeben, stehen Mann und Pferd in einer der Vorstadtstraßen der Festspielstadt, die sich Bammelines Bewacher auf dem Marsch so sehnlich herbei gewünscht, der er jetzt keinerlei Sympathie entgegenbringen kann. Er verwünscht das verdammte Wetter und überhaupt diesen ganzen Auftrag. Als Petrus ein Einsehen gewinnt, ist der Bayreuther Güterbahnhof erreicht. Man füllt die Verladepapiere aus, zahlt und damit scheinen die größten Schwierigkeiten überwunden. „Was macht es schon aus, dass ein Güterschnellwagen nicht zu haben ist und die Fahrt bis Braunschweig etwas länger dauert“, denkt er und tut einen kräftigen Atemzug. Doch man soll den Abend nicht vor dem Morgen loben! Als er sich zum Gehen wenden will, stellt der Bahnbeamte fest, dass die notwendigen Warenbegleitscheine fehlen. Zureden, Beteuerungen, das alles hilft nichts. Nun ist guter Rat teuer. Mit List und Tücke gelingt es, Bammeline in einen Viehtransport einzuschmuggeln. Nach 16stündiger Wartezeit beginnt die Rangiererei. Die Stute gebärdet sich wie toll. Nach einigen Stunden hat sie sich auch daran gewöhnt, sie tut ganz so, als sei eine Güterwagenreise die angenehmste Sache der Welt. Über Aschaffenburg und Kassel geht es nach Hannover. Als der Zug in Braunschweig einläuft, ist es dreimal Tag und Nacht geworden. Ohne Interzonenpapiere wird die Weiterfahrt abgelehnt. Alle Versuche, die erforderlichen Bescheinigungen und Stempel zu erlangen, scheitern. Nach endlosen Verhandlungen hinter der von Vorschriften und Dienstbeflissenheit strotzenden Kulisse der Braunschweiger Güterbahnverwaltung erklärt sich ein Rangierer bereit, den von Bammeline belegten Waggon an einen Interzonenzug anzuhängen. Das große Abenteuer der Rekordstute nimmt seinen Fortgang.

Im Sturmwind schaukeln die Bogenlampen auf dem Güterbahnhof von Braunschweig, bei jeder Bewegung gespensterhafte Schatten werfend. Es regnet. Schwer fallen die Tropfen auf das Waggondach. Bammeline scharrt ungeduldig mit den Hufen, so, als wolle sie sagen, wann geht es nun endlich los. Die Nerven ihres Begleiters sind bis zum Bersten gespannt. Minuten werden zu Stunden. „Wird der Waggon an der Interzonengrenze bleiben?“ Diese Frage bewegt den Mann bei der kostbaren Stute, die als schwarze Fracht die Zonengrenze bei Marienborn zwischen Helmstedt und Magdeburg passieren soll. Ist es nicht heller Wahnsinn, ohne gültige Papiere mit einem unter der Hand gecharterten Güterwagen den weiten Weg nach Berlin zu wagen? Jeden Augenblick lauscht Bammelines Begleiter hinaus in die Nacht. Nichts ist zu hören als das Prasseln der Regentropfen und das monotone Lied des Sturmwindes. Der riesige Güterbahnhof schläft. Langsam weicht das Dunkel der Nacht dem Licht des jungen Tages. Es regnet noch immer. Bammelines Begleiter kehrt alle seine Taschen um. Er sucht nach einem Rest Tabak, der sich irgendwo in den Nähten seiner Taschen verkrümelt haben könnte. Eine einzige Kippe findet er. Einige tiefe Züge, und aus ist es mit der Herrlichkeit.

Warten hat Schütt gelernt. Aber diese Ungewissheit wird immer unerträglicher. Als er den Waggon verlassen will, macht seine Lok Dampf auf. Der Rangierer geht den Zug entlang. Wie es die Vorschrift verlangt, klopft er Achse für Achse der für Berlin bestimmten Wagen ab. Für Bammelines Betreuer ist der helle Klang des Metalls Musik. Zugpersonal kommt näher und näher. Bammeline steht ganz still. Man könnte glauben, sie kennt die Gefährlichkeit der Reise und weiß, worauf es bei einer Schwarzfahrt über die Grenze ankommt. Ein Ruck, ein Stoß, die Lok hat aufgeschlossen. Langsam, ganz langsam, wie ein riesiger Lindwurm schiebt sich der Interzonenzug durch das Gewirr der Geleise in Richtung Grenze. Als die freie Strecke erreicht ist, bricht die Sonne durch den blaugrauen Wolkenverhang unter dem Himmel des zweigeteilten Deutschlands. Aber kaum sind einige Kilometer gefahren, da gebietet ein Signal Halt. Stunde um Stunde verrinnt. Die Sonne neigt sich nach Westen. Erst bei Anbruch der Dämmerung geht die Fahrt weiter. Noch vor Marienborn bricht erneut die Nacht herein. Schütt fallen die Augen zu, als der Zug den Kontrollpunkt erreicht, liegt er fest in Morpheus Armen.

Nachts gegen 2 Uhr kreischen die Bremsen. Der Interzonenzug steht. Schütt reibt sich die Augen. Jetzt sind wir in Marienborn, jetzt fällt die Entscheidung, schießt es ihm durch den Sinn. Augenblicklich ist er hellwach. Vorsichtig schiebt er die Wagentür zur Seite, gerade so weit, dass er durch einen schmalen Schlitz hinausgucken kann. Es ist stockdunkel. Der Zug hält erneut auf einem großen Güterbahnhof, der an Braunschweig erinnert. Wieder schaukeln die Bogenlampen, doch es regnet nicht mehr. Das ist nicht der Grenzübergang Marienborn, stellt Schütt auf den ersten Blick fest. Den bekannten Kontrollpunkt hat er nämlich oft passiert. Doch früher war es bequemer und gefahrloser. Da hatte er Papiere und saß in einem Personenzug, der mit seinem Komfort fast an gute alte Zeiten erinnerte. Er schiebt die Waggontür noch ein wenig mehr zur Seite und beugt sich weit hinaus. Im trüben Schein einer Lampe leuchtet am Stellwerk ein Schild: Magdeburg-Sudenburg.

„Also es ist geschafft“, jubelt er laut auf, dass er vor seiner eigenen Stimme erschrickt. „Nur noch einige Stunden, und wir sind in Berlin“, sagt er zu Bammeline und tätschelt ihr den Hals.

Wieder ruckt der Zug an, die letzte Etappe auf der Reise nach Berlin scheint zu beginnen.

Ruhe ist eingetreten. Das Rangieren hat ein Ende. Die Fahrt nach Berlin beginnt jedoch noch immer nicht. „Was ist nur los?“ fragt sich Schütt. Noch wartet er voller Ungeduld eine geschlagene Stunde, dann kriecht er aus dem Wagen.

Wie zu einer Bildsäule erstarrt verharrt er zwischen den Geleisen – vom Interzonenzug ist nichts mehr zu sehen. Nur in der Ferne leuchten im Dunkeln zwei rote Positionslampen. Einsam und verlassen steht Bammelines Waggon an der Verladerampe des Schlachthofes von Magdeburg-Sudenburg. Abgehängt, ganz einfach abgehängt sind die Schwarzfahrer. Wieder einmal ist guter Rat teuer. Unschlüssig wandert Schütt im Güterwagen auf und ab. „Was soll ich tun? Kann ich den Gang zur Leitung des Güterbahnhofes wagen?“ fragt er sich wieder. Er entschließt sich, mit einer Bahndienststelle Verbindung aufzunehmen.

Über Geleise und Signaldrähte hinweg stolpert er in Richtung Stellwerk. Bammeline schlägt gegen die Wände ihres Waggons, dass es weit durch die Stille der Nacht dröhnt. Sie tut das immer, wenn ihr Begleiter sie verlässt. Das ungewohnte Geräusch lockt einen Bahnbeamten herbei.

„Was treiben Sie sich hier herum?“ fragt er unwirsch.

Schütt ist nur einen Augenblick verlegen. „Mein Waggon gehört zum Interzonenzug Braunschweig – Berlin, man hat meinen Güterwagen hier abgehängt“, erklärt er klipp und klar.

„Jawohl, der Wagen wurde beanstandet. Kommen Sie mit. Wir haben nicht einmal gewusst, dass sich Personen im Waggon befinden“, antwortete der Beamte, dem Ähnliches in seiner langen Dienstzeit wohl noch nicht vorgekommen ist. Er schüttelt nur den Kopf und geht im spärlichen Schein seiner Lampe voran.

In seinem Dienstzimmer lässt er sich den Gang der Dinge erklären. Schütt beteuert, dass er ordnungsgemäße Papiere für Waggon und Fracht erhalten hat. Zu seinem Glück kann er einen in Braunschweig ausgefertigten Frachtbrief und eine Fahrkarte vorweisen. Der Beamte geht ans Telefon und spricht mit Berlin. Nach endloser Wartezeit erfolgt der Bescheid: Waggon GS 4820 in Braunschweig abgefertigt, alles in Ordnung.

Diese Auskunft kommt selbst dem Schwarzfahrer überraschend. Der Beamte wird leutselig, erkundigt sich nach der Stute und dem bisherigen Verlauf der Fahrt. „Na, Sie sind müde. Ich werde alle Formalitäten erledigen. Lediglich eine Bescheinigung vom hiesigen Amtstierarzt, die attestiert, dass Bammeline frei von ansteckenden Krankheiten ist, müssen Sie schon selbst beschaffen – das ist Vorschrift im Interzonenverkehr“, meint er und bietet jovial eine Zigarette Marke Eigenbau an.

„Wo ist denn der Amtstierarzt zu finden, wann kann ich nach Berlin weiterkommen?“ erkundigt sich Schütt.

„Wenn das Attest nicht wäre, könnten Sie heute gegen 6 Uhr früh abfahren. Doch jetzt ist unser auf dem Schlachthof wohnender Amtstierarzt nicht erreichbar“, sagt der Beamte.

Schütt macht sich dennoch auf den Weg. Ohne Lampe, bar jeder Ortskenntnis, lediglich auf Auskünfte des biederen Eisenbahners gestützt, geht er los. Nicht einmal die Hand vor Augen ist zu sehen. Hohl klingen die Schritte zwischen den Schlachthäusern von Magdeburg-Sudenburg. Ein Hund schlägt an.

„Halt, stehenbleiben!“ Der Nachtwächter tritt hinter einem Pfeiler des Schlachthauses hervor. Grelles Licht flammt auf. Geblendet bleibt Schütt stehen. Einige erklärende Worte nach dem Wohin und Woher, und der Ordnungshüter weist den Weg.

Klopfenden Herzens schellt Schütt an der Wohnungstür des Tierarztes. Nach einiger Zeit wird geöffnet. Der Veterinär steht im Nachthemd, sich schlaftrunkend die Augen reibend. Er schimpft wie ein Rohrspatz, als er von dem Begehren des nächtlichen Besuchers erfährt.

„Die Stute ist gesund und munter wie ein Fisch im Wasser; geben Sie mir doch einfach die Bescheinigung, dann ist alles erledigt“, meint Schütt.

Aber diese Rechnung geht nicht auf. Der in 40 Dienstjahren ergraute Tierarzt schüttelt nur den Kopf und sagt: „Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps.“ In wenigen Minuten hat er sich angekleidet, es geht zurück zu Bammeline, deren Rumoren ihren Standort anzeigt.

Der Veterinär erklimmt den Waggon. Bammeline, der irgendwann ein mit einem weißen Kittel bekleideter Arzt wehgetan hat, gerät außer Rand und Band, als die beiden vor ihr stehen. Auch Schütt kann sie nicht beruhigen. Der Veterinär winkt ab, er macht keinerlei Anstalten, die Stute zu untersuchen. Lakonisch sagt er: „Gesund“. Sofort stellt er im Schein der Taschenlampe das erforderliche Attest aus und kassiert sein Honorar.

„Sie, Sie, lieber Doktor, das hätten Sie viel bequemer haben können“, lächelt Schütt und verabschiedet sich von dem alten Herrn.

In der Meinung, die letzte schwere Hürde genommen zu haben, geht Schütt stolz zur Wagenmeisterei des Güterbahnhofs. Erneut muss er dort eine Enttäuschung in Kauf nehmen. Der für 6 Uhr vorgesehene Zug fällt aus. Ein neuer Termin ist noch nicht bekannt. Schütt begibt sich zurück zu Bammeline. Sofort schläft er ein.

Als er erwacht, steht die Sonne hoch am Himmel über der Elbestadt. Er macht sich erneut auf den Weg, eine Möglichkeit zur Weiterfahrt zu erkunden. Nach einem beschwerlichen Fußmarsch auf den Schwellen der Geleise findet er auf dem Magdeburger Hauptbahnhof im Fahrdienstleiter einen Freund des Trabersports. Als dieser den Namen Bammeline hört, ist er sofort begeistert, zu tun was in seinen Kräften steht. Eine Genehmigung, den Güterschnellwagen mit Bammeline an den fahrplanmäßigen Personenzug Magdeburg – Berlin anzuhängen, wird erteilt.

Gegen 21 Uhr endlich verlässt der Personenzug, dessen letzter Wagen ein Güterwaggon bildet, den Hauptbahnhof Magdeburgs. Über Genthin und Brandenburg geht es in Richtung Berlin. In Potsdam wird noch einmal kontrolliert. Alles in Ordnung! Um 1 Uhr erreicht der Zug den Personenbahnhof Charlottenburg. Die Reisenden streben dem Ausgang zu, froh, ihr Ziel erreicht zu haben. Auch Schütt atmet erleichtert auf und streicht sich befriedigt über die in acht Tagen lang wie Grammofonnadeln gewordenen Bartstoppeln. Ausladen kann er Bammeline jedoch noch nicht, hier auf dem Personenbahnsteig gibt es keine Rampe. Eine Lok zur Umleitung des Waggons nach einem Güterbahnhof steht nicht zur Verfügung. Schließlich gelingt es, eine ausfindig zu machen. Als Bammelines Güterwagen endlich auf dem Zielbahnhof an der Verladerampe steht, graut der Morgen. Schütt will Bammeline ausladen, aber die Leitung des Güterbahnhofs verbietet das. Die Bescheinigung des Magdeburger Tierarztes ist älter als 24 Stunden und daher nicht mehr gültig. Der Amtsschimmel reitet. Ein Amtstierarzt muss ein neues Attest ausstellen, besagt die Dienstvorschrift der Eisenbahn. Schütt setzt sich mit dem in Johannistal, das am anderen Ende von Berlin liegt, zuständigen Veterinär von der Wirtschaftskommission in Verbindung. Nach langen Diskussionen erklärt sich der Amtstierarzt bereit, Bammeline zum Abtransport freizugeben, jedoch verlangt er, die Stute am nächsten Tage auf der Rennbahn in Mariendorf zu untersuchen.

Ein Pferdetransportwagen nimmt Bammeline auf. Knapp 30 Minuten später hält sie Einzug auf ihrer Heimatbahn. Bammeline bezieht jedoch nicht ihre alte Box bei Trainer Heinz Witt. Laut Gerichtsbeschluss wird sie der Treuhandschaft von Kurt Schön, dem nächst Gerhard Krüger seit Jahren erfolgreichsten Berliner Trainer, unterstellt.

Hinter der bunten Kulisse der Renntage geht vor Gericht der Kampf um die Eigentumsrechte von Bammeline weiter. Der italienische Züchter Maiani, Muscletones Besitzer, verklagt Schütt. Wenige Minuten vor Beginn des Termins wird die Klage nach Klärung einiger Missverständnisse zurückgezogen, aber damit ist der Fall Bammeline noch längst nicht abgeschlossen.

Die Königin der Berliner Traber erhält eine lange, wohlverdiente Ruhepause. Bei ihrer hohen Gewinnsumme kann sie keine passenden Rennen finden. Als sie von Kurt Schön gestartet wird, steht sie mit ihren Zulagen vor einer unlösbaren Aufgabe. Bevor das Rennen richtig begonnen hat, bricht sie aus. Bammeline wird das Sorgenkind des erfahrenen Kurt Schön, der all sein Können und Wissen aufbietet, um das einstige Idol des Trabersports noch einmal auf den Höhepunkt der Leistungsfähigkeit zu bringen. Vergeblich sind alle Bemühungen, Bammelines Stern ist unaufhaltsam im Sinken. Wohl gewinnt sie noch Rennen, doch die Lust am Handwerk hat sie nach ihrer großen Schwarzfahrt gänzlich verloren.

Als die Entthronte wegen Erreichung der Altersgrenze ihr letztes Rennen bestreitet, empfängt sie ein Jubelsturm der Begeisterung. Noch einmal wird sie gefeiert, wie einst, da sie noch von Sieg zu Sieg eilte, da sie im Gelsenkirchener Elite-Rennen triumphierte, und sie in München einer Coronia im zweiten Stechen des Münchener Pokals eine einwandfreie Niederlage bereitete.